Navigation

Finanzplatz am Kreuzweg: Schwimmen oder Sinken

Graue Wolken über dem Schweizer Finanzplatz. Keystone

Kurz vor der grossen Krise wollte sich der Schweizer Finanzplatz zu einem der drei weltweit grössten entwickeln. Heute bemüht man sich in der Branche, nicht unterzugehen. Doch einige Beobachter glauben auch heute an Wachstums-Möglichkeiten.

Dieser Inhalt wurde am 12. März 2010 - 16:27 publiziert

Ein Jahr nachdem die Schweiz dem internationalen Druck in Sachen nichtdeklarierte Vermögen nachgeben musste, befindet sich der Finanzplatz am Kreuzweg und muss einen Ausweg suchen.

Am 13. März 2009 musste sich Finanzminister Hans-Rudolf Merz dem Druck der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD) beugen: Die Doppelbesteuerungs-Abkommen mit einem Dutzend Ländern waren neu auszuhandeln, um von der "grauen OECD-Liste" wegzukommen.

Doch aufgehört haben die Attacken auf das Bankgeheimnis deshalb nicht. Auch im vergangenen Monat vermochte Merz keine Klarheit zu schaffen. Die umstrittenen Rechtsgrundlagen des Staatsvertrags (Amtshilfeabkommen) zwischen der Schweizer Regierung und den USA führten zu dessen vorläufiger Sistierung durch das Bundesverwaltungsgericht im Januar. Die Amthilfe sieht die Herausgabe der Namen von über 4000 UBS-Kunden vor, denen Nichtdeklaration vorgeworfen wird.

Deutschland und Frankreich haben sich in der Zwischenzeit solche Daten via gestohlene CDs verschafft.

Dieses Gefahren-Szenario ist weit entfernt von der 2007 demonstrierten Zuversicht: Damals erklärte die Spitze der Finanzbranche in einem publizierten Finanzplatz-Masterplan vollmundig, den Platz Schweiz auf das Niveau von New York und London anheben zu wollen.

Masterplan von 2007 ist heute "Nonsense"

Im vergangenen Dezember stellte der Bundesrat dem Parlament einen neuen Finanzstrategieplan vor. Dieser schlägt einen vorsichtigen Ton an, und konzentriert sich auf das Bankgeheimnis, auf strengere Regeln im Fall künftiger Turbulenzen und auf Massnahmen gegen den zunehmenden Protektionismus des Auslandes.

"Der Masterplan von 2007 muss heute als Unsinn erachtet werden", sagt Beat Bernet, der dem Schweizerischen Institut für Banken und Finanzen der Uni St. Gallen vorsteht: "Er war von Beginn weg nicht viel mehr als eine Liste ziemlich unrealistischer Wunschvorstellungen."

In der kalten Realität der aktuellen Nach-Krisen-Ära müssen die Banken den nichtdeklarierten Vermögen den Rücken zuwenden und sich restrukturieren, um Kosten zu sparen, so Bernet gegenüber swissinfo.ch. Gleichzeitig müsse sich die Regierung gegen weitere Forderungen stark machen, damit die Kundendiskretion nicht weiter erodiere.

Wieviel nichtdeklarierte Gelder auf Schweizer Banken liegen, ist nicht genau bekannt. Ein kürzlich erschienener Bericht des Brokerhauses Helvea schätzt, dass es rund 80% der 836 Milliarden Franken Vermögen aus der EU sein dürften.

Grosse Banken verstärken ihre Onshore-Aktivitäten in ausgesuchten Ländern. Doch kleinere können sich dies nicht leisten. So dass einige Beobachter, auch Bernet, von einer Konsolidierung im Schweizer Privatbankensektor ausgehen.

Nichtdeklarierte Offshore-Vermögen "tot"

Manuel Ammann, Professor für Finanzen an der Uni St. Gallen, glaubt, dass die Verwaltung von nicht deklariertem Vermögen "praktisch tot" sei. Kleinere Institute könnten eventuell in diesem Sektor überleben, indem sie sich sehr selektiven Segmenten zuwenden.

"Sie müssten also Nischen finden, Know-how erhalten und spezifische Vermögensverwaltungs-Formen pflegen, wie zum Beispiel das nachhaltige Banking", sagt Ammann gegenüber swissinfo.ch.

Ein weiteres Hindernis, das es zu überwinden gelte, sei die zunehmend höhere Mauer von protektionistischen Massnahmen, die kleineren Ländern wie der Schweiz sehr schadeten. So würden in der EU zur Zeit Massnahmen besprochen, die die grenzüberschreitende Tätigkeit von aus der Schweiz operierenden Hedge Fonds und Private Equity Firmen einschränken sollten.

Der Finanzstrategie-Report vom Dezember 2009 beschwört die Regierung dringend, ihre Anstrengungen zu verdoppeln, damit bei Verhandlungen solche Massnahmen nicht die Schweiz benachteiligten.

Ebenso legt der Report jene Regeln genau fest, die seiner Meinung nach die globale Wettbewerbsfähigkeit des Versicherungssektors behindert.

Klares Denken wird verlangt

Dennoch gibt es einige Gründe zur Zuversicht. Die Schweiz hat relativ besser aus der Finanzkrise herausgefunden als viele andere Länder. Nur eine einzige Bank, die UBS, brauchte Staatshilfe. Und die öffentliche Verschuldung nahm nicht sehr stark zu.

"Im Vergleich zur ausländischen Konkurrenz kann der inländische Privatbanken-Sektor klar eine grössere Kompetenz anbieten", sagt Bernet, "und dazu stabile politische, rechtliche und wirtschaftliche Bedingungen sowie eine gute Reputation."

Auch könnten sich einige regulatorische und politische Massnahmen für die Schweiz als vorteilhaft erweisen. So hat Grossbritannien den Steuerfuss für Top- und Bonusverdiener erhöht. Ob die Londoner Hedge Fund Manager in die Schweiz gelockt werden können, so der Report von 2009, könnte von der Reform einiger Schweizer Vorschriften und von der Abschaffung hinderlicher Abgaben wie zum Beispiel der Stempelsteuer abhängen.

Doch Bernet bleibt skeptisch, ob die Schweiz diesbezüglich die richtige Richtung findet.

"Eine Strategie ergibt sich aus klar definierten Zielen. Es muss klar dargelegt werden, welche künftige Rolle das Finanzzentrum innerhalb der nationalen Wirtschaftsstruktur übernehmen muss", so Bernet. "Dazu gehört auch eine internationale Politik, die sich nach der internationalen Realität ausrichtet und dem entsprechend eine internationale Rechtsordnung."

Im herrschenden Schlachtfeld würden keine Reaktionen gebraucht, sondern strategisches Denken. "Doch leider sehen wir wenig präzises und konkretes Denken und Diskutieren."

Matthew Allen, swissinfo.ch
(Übertragung aus dem Englischen von Alexander Künzle)

Finanzplatz

Der Anteil des Finanzsektors zum Bruttoinlandprodukt (BIP) wuchs von 1990 7% auf 2008 11%.

Zwischen 1995 und 2005 nahm der Schweizer Finanzsektor jährlich im Durchschnitt um 5,5% zu.

Gemäss dem Masterplan für den Finanzsektor aus dem Jahr 2007 trugen die Banken rund 48 Mrd. Franken an die Wirtschaft bei, die Versicherungen 22 Mrd.

Inklusive indirekter Beiträge von Finanz-Zulieferern und dem Verbrauch der Mitarbeitenden kommt man 2006 auf die Summe von rund 70 Mrd. Franken.

Der Finanzsektor zahlte rund 17 Mrd. Steuern. Diese Summe dürfte sich inzwischen - wie die anderen Beiträge auch - etwas verringert haben.

Schweizer Banken managen rund einen Zehntel aller Weltvermögen - etwa 11,3 Billionen. Damit sind sie der drittgrösste Vermögensverwalter.

Auch in der Verwaltung von Offshore-Vermögen gilt die Schweiz als eines der grössten Zentren.

End of insertion

Artikel in dieser Story

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Webseite importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@swissinfo.ch

In Übereinstimmung mit den JTI-Standards

In Übereinstimmung mit den JTI-Standards

Mehr: JTI-Zertifizierung von SWI swissinfo.ch

Diskutieren Sie mit!

Diesen Artikel teilen

Passwort ändern

Soll das Profil wirklich gelöscht werden?