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COP27: Ein staubtrockener Weckruf

Der Sommer 2022 hat uns vor Augen geführt, wie das Klima Jahr für Jahr extremer wird. Einfach weiter so und Anpassen wird nicht funktionieren. Nur ein schneller Ausstieg aus fossilen Energieträgern kann Schlimmeres verhindern. Die Delegationen der Länder, die jetzt an der COP27 verhandeln, haben eine wichtige Verantwortung, dass diese Treffen endlich Fortschritte bringen können, sagt Sonia Seneviratne, Klimaforscherin und Professorin an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETHZ).

Dieser Inhalt wurde am 13. November 2022 - 09:00 publiziert

Ausgetrocknete Flüsse und Böden in ganz Europa. Ernteverluste, verheerende Waldbrände und starke Gletscherschmelze. Tausende hitzebedingte Todesfälle in den Städten, notgeschlachtete Kühe in den Bergen. Das war der Sommer 2022 – einer der wärmsten und der trockenste seit Messbeginn.

Hätten Klimaforschende im Frühling vor solchen Extremen gewarnt – wir wären als Alarmist:innen verschrien worden. Dabei stimmt, was wir jetzt erleben, genau mit den Begutachtungen des WeltklimaratsExterner Link (IPCC) überein.

Wir wissen schon lange, was auf uns zukommt, und seit einigen Jahren sehen wir die ersten klaren Zeichen, dass wir die Krise ohne ernsthafte Massnahmen nicht bewältigen werden können.

Jahrzehntelang wurde der Klimawandel von vielen als ferne Herausforderung bagatellisiert, an die wir uns problemlos anpassen könnten. Die letzten Monate haben uns gezeigt, dass die Realität eine andere ist.

Anpassen allein ist keine Option

Die Klimakrise ist da. Die Atmosphäre hat sich bereits um 1,2 Grad Celsius erwärmt. Steigende Temperaturen und fehlender Regen trockneten diesen Sommer die Böden auf der Nordhalbkugel aus (siehe ETH-News: "Der Klimawandel machte die Sommerdürren 2022 wahrscheinlicher"Externer Link).

Wir haben berechnet, dass derartige Dürreverhältnisse im heutigen Klima etwa einmal in 20 Jahren zu erwarten sind – ohne menschgemachte Klimaerwärmung wären es alle 400 Jahre. Die kombinierte Hitze-Dürre stellte auch die Schweiz vielerorts vor Probleme – selbst das Wasserschloss ist vor Wassermangel nicht gefeit. Zumal die Eisreserven in den Alpen in Rekordtempo schwinden.

"Es braucht eine radikale Abkehr von Erdöl, Gas und Kohle – und zwar so rasch wie möglich."

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Erwärmt sich die Erde weiter, ist in Zukunft mit noch stärkeren und häufigeren Extremereignissen zu rechnen, als wir in den vergangenen Jahren gesehen haben: Hitzewellen, Trockenheit, Starkniederschläge und extreme Wirbelstürme.

Der letzte IPCC-Bericht zeigt auch, dass wir rasch an Grenzen der Anpassung stossen, wenn nichts unternommen wird.

Fest steht: Jede Tonne CO2 heizt das extreme Klima weiter auf. Um das zu vermeiden, braucht es eine radikale Abkehr von Erdöl, Gas und Kohle – und zwar so rasch wie möglich. Denn jedes Zehntelgrad Erwärmung zählt.

Die Wende ist möglich

Der nötige Ausstieg aus fossilen Energieträgern ist machbar: Es gibt Alternativen in fast allen Sektoren – erneuerbare Energien, Wärmepumpen, Elektromobilität. Die CO2-Emissionen in der Schweiz stammen zu 93 Prozent aus der Verbrennung von Erdöl und Gas.

Wenn es die Schweiz schafft, ihren CO2-Ausstoss bis 2030 zu halbieren, wären wir bereits auf Kurs mit dem Pariser Klimaziel, das die Erwärmung auf rund 1,5 Grad stabilisieren will. Dazu müssen wir unseren Erdöl- und Gasverbrauch bis 2030 um 55 Prozent reduzieren.

Das kürzlich verabschiedete "Bundesgesetz über die Ziele im Klimaschutz, die Innovation und die Stärkung der Energiesicherheit"Externer Link wird den Weg zu netto null CO2 ebnen. Private, Firmen und Behörden können aber schon jetzt die Initiative ergreifen, um die Wende zu beschleunigen.

Vom Ausstieg aus den Fossilen wird die Schweiz nicht zuletzt geopolitisch profitieren, kann sie doch ihre Abhängigkeit von exportierenden autokratischen Regimen reduzieren.

Unsere Abhängigkeit von Erdöl und Gas schadet nicht nur dem Klima, sie kostet auch viel und macht Demokratien erpressbar durch Schurkenstaaten.

Beim Klima gibt es kein Zurück

Mit den bisherigen Klimafolgen müssen wir allerdings leben. Sie werden in einer Netto-Null-Welt nicht verschwinden. Wir können die Erderwärmung bestenfalls stabilisieren, aber kaum rückgängig machen. Beim Klima gibt es kein Zurück: Viele Konsequenzen sind unumkehrbar.

Das bedeutet auch, dass das Thema "Schäden und Verluste" auf der aktuellen COP27-Tagung nicht zu umgehen ist. Wie die jüngsten Überschwemmungen in Pakistan gezeigt haben, sind viele Länder, die bisher wenig zu den CO2-Emissionen beigetragen haben, stark von den Folgen dieser Emissionen betroffen.

Die Länder, die zu diesen Emissionen beigetragen haben, darunter auch die Schweiz, werden sich der Verantwortung stellen müssen, die sich daraus für die Entschädigung der weniger entwickelten Länder mit geringen Emissionen ergibt.

"Unsere Abhängigkeit von Erdöl und Gas schadet nicht nur dem Klima, sie kostet auch viel und macht Demokratien erpressbar durch Schurkenstaaten."

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Ein Weckruf: COP27 muss Fortschritte bringen

Dieser Sommer hat uns vor Augen geführt, wie das Klima Jahr für Jahr extremer wird. Dagegen können wir etwas tun, global und in der Schweiz. Jetzt handeln lohnt sich. Der Sommer 2022 soll uns ein Weckruf sein.

Nach der COP21 im Jahr 2015 in Paris waren alle folgenden Klimakonferenzen des Rahmenübereinkommens der Vereinten Nationen über Klimaänderungen (UNFCCC) eine Enttäuschung und haben die Versprechen des Pariser Abkommens nicht erfüllt.

Die Zeit läuft uns davon. Wir brauchen mutige Entscheidungen an der COP27. Die Schweizer Delegation an der COP27 hat zusammen mit den Delegationen anderer Länder mit hohen Emissionen die Verantwortung, für Fortschritte aus der derzeitigen Sackgasse zu sorgen.

Dies ist eine angepasste und erweiterte Version eines ETH-Zukunftsblogs der AutorinExterner Link

Die in diesem Artikel geäusserten Ansichten sind ausschliesslich jene der Autorin und müssen sich nicht mit der Position von swissinfo.ch decken.

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