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Erst depressiv, dann invalid!

Depressionen führen immer mehr Leute in die Arbeitsunfähigkeit. Mental illness is taking its toll on the taxpayer (www.newtreatments.org)

Im Jahr 2002 erhielten in der Schweiz mehr als 70'000 Personen eine Invalidenrente wegen psychischer Probleme.

Dieser Inhalt wurde am 04. August 2003 - 08:43 publiziert

Die Zahl dieser IV-Bezüger hat sich im letzten Jahrzehnt verdreifacht. Die Entwicklung ist alarmierend und belastet die Invalidenversicherung.

Seit 1990 hat sich die Zahl der IV-Bezüger fast verdoppelt: Von 130'000 auf 220'000. Bei IV-Bezügern handelt es sich um Personen, die keine Berufstätigkeit mehr ausüben können.

Die Hauptgründe für die Invalidität waren traditionell vor allem körperliche Krankheiten, Unfälle oder geburtsbedingte Körperverletzungen. Heute jedoch stehen psychische Probleme im Vordergrund: Depressionen, Psychosen, Neurosen, Schlaflosigkeit oder Panikzustände.

"Ein Drittel aller neuer IV-Bezüger erhält die Anerkennung wegen psychischer Probleme", sagt Brigitte Breitenmoser, Vizedirektorin des Bundesamtes für Sozialversicherungen (BSV) gegenüber swissinfo.

Jüngste Studien der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) oder der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bestätigen diesen Trend auch auf internationaler Ebene.

Zuwachs bei jungen Menschen

Im Jahr 1990 erhielt "nur" 3,1% der aktiven Bevölkerung eine IV-Rente. Inzwischen ist diese Quote auf 4,9% geklettert. Die Prozentangaben schwanken stark nach Alter und Geschlecht. Beispielsweise erhalten gut 20% aller Männer über 60 Jahren eine IV-Rente.

Besonders eindrücklich ist der Anstieg an IV-Bezügern in der Altersgruppe zwischen 35 und 45 Jahren. Zudem gibt es etliche Fälle von jungen Menschen, die nicht einmal 20 Jahre alt sind und bereits IV-Rente beziehen. Dabei sind psychische Störungen der Hauptgrund für die Anerkennung.

Es handelt sich um ein menschliches Problem, aber auch um ein Finanzielles. Denn selten kehrt eine Person, die einmal eine IV-Rente bezogen hat, vor dem Pensionsalter in den Berufsalltag zurück. Im Jahr 2002 beispielsweise endeten bei 49'700 Kontrollen nur 1700 mit der Einstellung der IV-Rente.

Diese Situation zusammen mit der zunehmenden Zahl junger Invalider schürt die Angst vor einer Instabilität der Invalidenversicherung. Zumal die finanzielle Situation schon jetzt kritisch ist. Im Jahr 2002 betrug das Defizit eine Milliarde Franken.

Gibt es Scheininvalide?

Die Situation der IV-Versicherung ist bereits zum Politikum geworden. Da gibt es beispielsweise den Zürcher SVP-Volkstribun Christoph Blocher, der offen von "Scheininvaliden" spricht, die von der Situation profitierten. Diese Behauptung bringen Blochers Gegner auf die Palme.

Doch was passiert in Wirklichkeit? Warum sind so viele Personen von psychischen Leiden betroffen – ganz abgesehen von einem möglichen Missbrauch, um sich eine IV-Rente zu schnappen? Warum nimmt die Zahl von Patienten in psychiatrischen Kliniken ständig zu?

In der Deutschschweiz sind die Beratungen von Pro Mente Sana, einer Stiftung, die sich für psychisch erkrankte Menschen einsetzt, zwischen 1997 und 2002 um 63% angestiegen. Dabei wird bis heute geschätzt, dass nur die Hälfte aller Personen, die unter Depression leidet, bereit ist, dies zuzugeben und sich in Behandlung zu begeben.

"Psychische Krankheiten sind trotzdem nicht mehr so tabu wie noch vor 20 oder 30 Jahren", unterstreicht der Arbeitspsychologe Ivars Udris, der als Professor an der ETH Zürich tätig ist.

Druck der Effizienz

Entlassungen, Kündigungen, Restrukturierungen, Flexibilität, Effizienz und Produktivität. Dies sind die Schlagwörter im Arbeitsleben, das seit Mitte der 90-er Jahre wesentlich härter geworden ist. Die Selektion hat sich verstärkt.

Mit Sicherheiten im Berufsalltag ist es vorbei, Zukunftsgarantien haben nur wenige Glückliche. Nicht einmal die einst sicheren Plätze in den ehemaligen Staatsbetrieben, in den Banken oder bei der Swissair-Swiss konnten sich retten. Im Gegenteil....

"Viele haben diese neue Unsicherheit nicht verdaut", meint Ivars Udris. "Viele sind zusammengebrochen und haben keinen rettenden Anker mehr gefunden." Dies zeige sich daran, dass viele Arbeitnehmer direkt bei der IV gelandet seien und nicht erst nach der Aussteuerung bei der Arbeitslosen-Versicherung.

Die heutige Gesellschaft verspreche viel, meint Brigitte Breitenmoser. Vielleicht zuviel. "Doch so leicht sind die Dinge nicht zu erreichen. Dies merken gerade die Jungen. Und für sie bedeutet es Enttäuschung."

"Ich bin kein Hellseher", meint Ivars Udris. "Aber wenn die Arbeitswelt mit dieser Tendenz der andauernden Restrukturierung weiter geht, wenn Entlassungen und Unsicherheit weiter anhalten, können die psychischen Erkrankungen noch zunehmen."

Die Zukunftsaussichten der IV sind somit keineswegs rosig. Wenn sich die Situation nicht grundlegend ändert, könnten die vorgesehenen Reformen in der vierten und fünften IV-Revision nicht ausreichen (Anheben der Mehrwertsteuer um 0,8% zur Sicherung der Leistungen, IV-Renten auf Zeit sowie Einführung eines differenzierteren Systems), um die Zukunft des Systems zu sichern.

swissinfo, Marzio Pescia
(Übersetzung aus dem Italienischen: Gerhard Lob)

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