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Aussenpolitik

Die Schweiz pokert hoch mit der EU

Man kann es als Schwexit bezeichnen: Die Schweiz hat sich gegen die Ratifizierung eines Rahmenabkommens mit der EU entschieden. Über einen gefährlichen Balanceakt, aus dem die Schweiz auch als Verliererin hervorgehen kann.

Dieser Inhalt wurde am 29. Juni 2022 - 10:19 publiziert
Andreas Gefe (Illustration)

Die Schweiz will der EU nicht beitreten. Auch den Beitritt zum Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) lehnte die Schweizer Stimmbevölkerung 1992 knapp ab. Die Landesregierung setzte stattdessen auf bilaterale Verträge, die ihr den Zugang zum EU-Binnenmarkt sichern. 

Die EU will diesen bilateralen Weg aber nur fortsetzen, wenn die institutionellen Fragen in einem Rahmenvertrag geklärt werden. Nach siebenjährigen Verhandlungen hat die Schweizer Regierung der EU jedoch mitgeteilt, die Verhandlungen abzubrechen. In der Schweiz war der innenpolitische Widerstand gegen das Abkommen gross.

Auf den ersten Blick verliert die Schweiz eigentlich nichts: Bleibt alles beim Alten, hat sie Zugang zum EU-Binnenmarkt und behält gleichzeitig ihre Souveränität.

Doch auf den zweiten Blick zeigt sich: Die Schweiz pokert hoch. Zu hoch? Die EU ist nicht bereit, Abkommen zu erneuern oder neue Vereinbarungen zu treffen – das hat sie nach dem Scheitern der Verhandlungen erneut klar gemacht.

So ist die Schweiz beispielsweise aus dem Milliarden-Forschungsprogramm Horizon Europe ausgeschlossen worden. Martin Vetterli, Präsident der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne (EPFL), sagt: "Mit dem Scheitern der Rahmenvertrags-Verhandlungen hat Europa nur eine kleine Blessur davongetragen, die Schweiz aber hat sich ins Knie geschossen."

Auch Exportbranchen leiden unter blockierten Beziehungen zur EU, beispielsweise der Strommarkt oder die Medizintechnik- oder Pharmabranche.

Die EU erwartet nach dem Scheitern des Rahmenabkommens konkrete Vorschläge von der Schweiz. Die Schweizer Regierung legte sich im Februar 2022 auf eine neue Marschrichtung fest: Sie will den bilateralen Weg weiterführen. Ein neues Rahmenabkommen stehe nicht zur Debatte. Der Bundesrat will Fragen wie die dynamische Rechtsübernahme, die Streitbeilegung sowie Schutzklauseln sektoriell regeln. Ob die EU dies eine gute Idee findet, ist eine andere Frage.

Ema

SWI swissinfo.ch hat fünf Karikatur:istinnen aus der Schweiz und aus den Nachbarländern gebeten, die vertrackte Situation in ein Bild zu packen.

Der Vergleich mit anderen Ländern zeigt: Die Gestaltung der Beziehungen zur EU als Nicht-Mitglied ist ein Balanceakt. Und wie bei jedem Seiltanz besteht auch Absturzgefahr.

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