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Die Schweiz nimmt Herausforderung Kryptowährung an

Kryptowährungen werden immer noch mit Misstrauen betrachtet. Viele Länder sehen es als das wilde Kind der Finanzwelt, das Kriminelle anzieht. Keystone / Jerome Favre

Die "Krypto-Nation" Schweiz macht weltweit auf sich aufmerksam: Sie hat eine ganze Reihe von Gesetzesreformen verabschiedet und erteilt behördliche Lizenzen für den Handel mithilfe der Blockchain.

Dieser Inhalt wurde am 11. Oktober 2021 publiziert Minuten
swissinfo.ch

Blockchains sind digitale Systeme, die Kryptowährungen speichern und übertragen. In einigen Kreisen wird diese Technologie als Verbesserung des derzeitigen Finanzsystems gepriesen. 

Die Schweiz hat dieses Jahr eine Reihe von Unternehmens- und Finanzgesetzen aktualisiert, um dem Blockchain-Handel eine solide Rechtsgrundlage zu schaffen. Zudem hat die Eidgenössische Finanzmarktaufsicht Finma in den letzten zwei Jahren zwei Krypto-Banken, einer Krypto-Börse und dem ersten Krypto-Vermögensfonds der Schweiz eine Bewilligung erteilt.

Die Gentrifizierung der Kryptowährungen hat zum Ziel, das schlechte Image zu verbessern. Der Ruf von Bitcoin als lauter Störenfried soll dadurch aufpoliert und für den Gebrauch durch Banken fit gemacht werden. 

"Der Markt hat sich weiterentwickelt, der rechtliche Rahmen ist da, Lizenzen wurden vergeben, eine Reihe neuer Finanzprodukte entsteht", sagt Katie Richards, ehemalige Leiterin der Krypto-Abteilung der Privatbank Falcon. Sie ist aktuell dabei, die Schweizer Niederlassung der holländischen Kryptowährungs-Investmentgesellschaft Cyber Capital aufzubauen.

"Die Schweiz wird immer innovativer und wettbewerbsfähiger. Wir ziehen laufend neue Unternehmen aus anderen Ländern an."

Die ersten Krypto-Unternehmen tauchten in der Schweiz um 2013 auf, aber die Branche setzte sich erst vier Jahre später mit der Explosion der Bitcoin-Preise wirklich durch. 

Hierzulande gibt es bereits Non-Profit-Organisationen, die Hunderte von Millionen Dollar aufbewahren, die per Crowdfunding durch Blockchain-Projekte gesammelt wurden. Die Schweiz hat ihre militärischen Hochgebirgsbunker in Lager für Kryptowährungen umgewandelt. Jetzt will sie die geheimnisvolle Welt der Blockchain mit der konventionellen Wirtschaft verbinden.


Die rechtliche und regulatorische Sicherheit ist für die aufstrebende Blockchain-Branche, die in vielen Teilen der Welt mit grossem Misstrauen betrachtet wird, ein Segen. Insbesondere in den USA geht die Finanzaufsicht-Behörde hart gegen einige Krypto-Akteure vor. 

Der letzte sichere Hafen

Der britisch-iranische Staatsbürger Amir Taaki hat kürzlich die Schweiz als Standort für sein dezentrales Finanzprojekt "DarkFi" gewählt. Er ist kein Fan von staatlicher Einmischung, sieht aber die regulatorische Haltung der Schweiz als weitaus positiver, als die vorgeschlagenen Kryptowährungs-Gesetze, die derweil in den USA und der EU formuliert werden.

"Regierungen führen einen Krieg gegen Bargeld, die Gesellschaft und die Wirtschaft", sagt er. "China wird zum Vorbild für den Westen. Die Schweiz ist der letzte sichere Hafen."

Taaki verweist dabei auf Chinas strenge Kontrollen von Handel und Finanzen sowie die zunehmende staatliche Überwachung der Bürger:innen.

Facebooks umstrittene Kryptowährung Diem (vormals Libra) hielt die Schweiz ebenfalls für einen idealen Standort, wurde aber von den USA zurückgepfiffen, weil die dortigen Behörden das disruptive Projekt genauer begutachten wollten.

Blockchain-Finanzunternehmen wie Fireblocks aus den USA und das in den Niederlanden ansässige Alliance-Block kommen nun beide in die Schweiz. Und die Deutsche Börse, welche die Börse Frankfurt betreibt, hat eine Mehrheitsbeteiligung am von der Finma bewilligten Maklerunternehmen Crypto Finance übernommen.

Ein Grund dafür ist, dass das Wissen darüber, was man tun darf und was nicht, eine solide Grundlage für den Aufbau eines Unternehmens bietet. Dies gilt auch für die Tokenisierung – den Prozess der Schaffung von Blockchain-kompatiblen Wertpapieren, wie Unternehmensanteile oder Eigentumsrechte für Kunst und Sammlerstücke. Kryptowährungen sind jetzt nur noch ein Teil eines grösseren Universums von digitalen Vermögenswerten, die auf Blockchains erstellt und gehandelt werden.

So hat etwa die in der Schweiz lizenzierte Krypto-Bank Sygnum Anteile an einem Picasso-Gemälde tokenisiert. Sygnum ist eine der vielen neuen Schweizer Tokenisierungs-Plattformen, die im Zuge der Gesetzesreformen entstanden sind. Diese Plattformen ermöglichen es Unternehmen auch, digitale Aktien auszugeben.

Der Wachstumsschub der Blockchain-Branche muss jedoch in Relation gesetzt werden. Ausgehend von ihrer ursprünglichen Hochburg im Kanton Zug (bekannt als Crypto-Valley) zählt der Sektor fast 1000 Unternehmen mit 5000 Beschäftigten in der deutsch-, französisch und italienischsprachigen Schweiz.

Zum Vergleich: Der traditionelle Finanzsektor der Schweiz beschäftigt rund 220'000 Menschen. Die grösste Schweizer Bank, die UBS, hat mehr als 70'000 Mitarbeitende weltweit. Bitcoin Suisse, eines der ältesten Schweizer Krypto-Unternehmen, hat die Zahl der Mitarbeiter:innen in den letzten 18 Monaten von 120 auf 260 erhöht.

Ein Verdacht bleibt

Eine Handvoll Banken haben begonnen, sich mit Kryptowährungs-Dienstleistungen auseinanderzusetzen. Doch die Finanzindustrie steht Kryptowährungen immer noch weitgehend misstrauisch gegenüber. Die Banken haben Angst davor, Probleme mit Geldwäsche zu bekommen. Deshalb bekunden viele Krypto-Startups nach wie vor Schwierigkeiten, in der Schweiz ein Bankkonto zu eröffnen.

Gleichzeitig protestieren Dezentralisierungs-Befürwortende gegen die zunehmenden regulatorischen Eingriffe. Sie argumentieren: Bitcoin in Anzug und Krawatte zu verpacken, mache die Währung zwar sympathischer, untergrabe jedoch deren grundlegende Qualität.

Anstatt Kryptowährungen und Blockchains in konventionelle Infrastrukturen zu zwängen, sollten sie Banken und starre Regeln durch flinkere Technologien ersetzen, welche die Kontrolle über den Betrieb an die breite Masse abgeben.

Auf den ersten Blick scheint die Schweiz nicht der naheliegendste Ort für eine Bankenkiller-Strategie zu sein. Doch Amir Taaki glaubt, dass beide Welten in der Alpennation nebeneinander existieren könnten, wenn auch auf unangenehme Weise.

"Die Kryptowelt wird sich in einen stark regulierten Bereich aufspalten, in dem es keine Innovationen mehr geben wird und in eine dezentrale Finanzwelt, die im Untergrund bleibt. Sie werden wahrscheinlich nicht miteinander interagieren."

In Übereinstimmung mit den JTI-Standards

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