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Die Schweiz: Wie ein Garten, aber mit Technologie

Volksmusiker Juan Alarcón, Gemeinderat Andrés Venegas und der Waadtländer Chansonnier Michel Bühler auf einer Alp bei Sainte-Croix.

25 Chilenen aus dem Bergdorf San José de Maipo feierten ihren Nationaltag zum ersten Mal nicht in ihrer Heimat. Diesen Herbst waren sie die ersten südamerikanischen Gäste am "Festival des Gens des Hauts Pays" im waadtländischen Sainte-Croix.

Dieser Inhalt wurde am 06. November 2009 - 09:14 publiziert
Regula Ochsenbein, swissinfo.ch

Die meisten stiegen zum ersten Mal in ihrem Leben in ein Flugzeug. Um ihre eigene Bergkultur vorzustellen, vor allem aber, um vom Gastland zu lernen, reisten die Bergler aus Chile im September in die Schweiz. Ganz unbekannt war ihnen das Land nicht. Der Schweizer Botschafter in Chile, André Regli, hatte sie bestens vorbereitet.

swissinfo.ch hat die chilenische Reisegruppe nach Rückkehr aus der Schweiz getroffen, um deren Eindrücke zu erfahren. Für Soco Astorga, deren Familie das "Zentrum für Öko- und Abenteuertourismus" besitzt, ist die Schweiz wie ein Garten: "Natur und Umwelt werden respektiert. Die Städte sind überschaubar und dehnen sich nicht wie hier wie Ölflecken aus."

Der Volkstänzerin Viviana Riquero fiel auf, wie gepflegt die Waadtländer Bauernhöfe sind: "Auf allen Fenstersimsen gibt es Geranien und in den Gärten Rosen. Aber die Blumen duften bei uns viel stärker."

Für Gemeinderat Andrés Venegas war es unverständlich, dass viele Schweizer nicht einmal die eigene Nationalhymne auswendig singen konnten. In Chile kenne jeder Erstklässler die Hymne. Besonders stolz ist Venegas, dass er beim Abschiedsfest zusammen mit dem Waadtländer Chansonnier Michel Bühler singen durfte.

Technologisch um Lichtjahre voraus

Die Gäste aus Chile besuchten in Sainte-Croix die berühmte Musikdosen-Fabrikation, eine Uhrenfirma und eine Käserei. Besonders beeindruckt waren sie von der Technologie, die sich die Schweizer zur Erleichterung der Arbeit zunutze machten. Den einzigen klassischen Arbeiter, den Bergführer Patricio Figueroa zu Gesicht bekam, war jener mit einer Schaufel auf einer Verkehrstafel, die Bauarbeiten signalisiert.

Feuerwehrmann Fernando Figueroa beneidet seine Kollegen in Sainte-Croix um deren Ausrüstung. Einen ganzen Tag lang konnte er mitarbeiten: "In der Schweiz erneuern sie die Ausrüstung alle paar Jahre und besorgen täglich den Unterhalt. Diese Mittel haben wir nicht, und wir wissen auch nie, ob der Wagen bei einem Einsatz auch wirklich losfährt."

Gemeinderat Andrés Venegas fiel nicht nur die einfache und praktische Wasserversorgung in Sainte-Croix auf, die er gerne in San José kopieren möchte.
Beim Spitalbesuch interessierte er sich als Apotheker besonders für das Labor: "Bei uns müssen wir tagelang auf ein Resultat warten, und man schickt uns von Pontius zu Pilatus. In der Schweiz erledigen sie an einem Tag 400 Labortests!"

Umweltschutz gross geschrieben

Die Gastgeber sahen die Chilenen schief an, als diese ihre Zigarettenstummel oder Papierfetzen achtlos auf den Boden warfen.

Patricio Figueroa war überrascht, dass es in der Migros nur Papiertragtaschen gibt, für die man auch noch bezahlen müsse: "Bei uns liegen überall Plastiksäcke herum, die wir höchstens für den Abfall rezyklieren. Einmal verwechselte ich sogar einen über einem Berggipfel schwebenden Plastiksack mit einem Luftballon. In der Schweiz ist das unvorstellbar."

Volkstänzerin Viviana sah zum ersten Mal Lichtsensoren und glaubt, dass sich auch nicht alle Schweizer diesen Luxus leisten könnten: "Vergisst man das Licht auszulöschen, so löscht es nach kurzer Zeit automatisch aus, wenn sich niemand mehr im Raum befindet. Uns empfiehlt man nur, teure Energiesparlampen zu kaufen."

Soco Astorga vom Tourismuszentrum doppelt nach: "Gerade für die Metropole wäre Energiesparen notwendig. Wenn wir die in unserem Tal geplanten Wasserkraftwerke zur Versorgung Santiagos nicht verhindern können, trocknet das Tal aus, verlieren wir unser Potential als Tourismusort und die Leute wandern ab. Solcher Raubbau ist in der Schweiz nicht denkbar!"

Schweizer Pünktlichkeit versus chilenische Improvisation

Kaum etwas Negatives fanden die Besucher an der Schweiz. "In einer Woche kann man auch nicht hinter die Kulissen schauen", meint Gemeinderat A.Venegas.

Nur in einem waren sich alle einig:"Mit der Pünktlichkeit nehmen wir es hier nicht so genau. Kamen wir dort zu spät oder hielten wir uns irgendwo zu lange auf, so schauten die Schweizer auf ihre Uhr. Dafür mangelt es den Schweizern an Improvisationskunst. Diese ist zwar unser Laster, aber ein Vorteil, wenn man ein unerwartetes Problem lösen muss."

Eine lange Wunschliste

Die Bewohner von San José wissen, dass sie in Sainte-Croix eine einmalige Gelegenheit hatten. Trotzdem möchten sie die Kontakte weiter pflegen oder sogar mit einem Schweizer Dorf eine Partnerschaft beginnen.

Mehr Schweizer Bergsteiger sollten in ihr Dorf kommen und umgekehrt die chilenische Feuerwehr in die Schweiz an Weiterbildungskursen teilnehmen. Soco Astorga wünscht sich die Unterstützung von Schweizer Umweltorganisationen für ihr Anliegen.

Im Moment haben sie aber ein dringenderes Problem: Sie suchen einen Sponsor, z.B. ein Mitglied der Chilenisch-Schweizerischen Handelskammer, das ihnen die geschenkten Ausrüstungen und die Motorpumpe für die Feuerwehr sowie die ebenfalls geschenkten Langlaufskis für den Skiklub minderbemittelter Kinder kostenlos nach Chile fliegen würde.

Regula Ochsenbein, San José de Maipo, swissinfo.ch

Festival des Gens des Hauts Pays

Dieses Festival ist einer der Anlässe, die Sainte-Croix jährlich organisiert. Die Association des Gens des Hauts Pays finanziert Reise und Aufenthalt der Gäste.

Ziel ist der kulturelle Austausch mit Bergdörfern anderer Länder.

Letztes Jahr war Nepal zu Gast und mit Chile zum ersten Mal ein lateinamerikanisches Land.

Die chilenische Botschafterin in der Schweiz, Carolina Rosetti, erfuhr vom Festival durch Zufall, als 2007 in Erinnerung an Alexis Jaccard ein Saal des Gemeindehauses seinen Namen bekam. Zusammen mit dem hiesigen Schweizer Botschafter, André Regli, setzte sie sich für die Teilnahme Chiles ein.

Alexis Jaccard war chilenisch-schweizerischer Doppelbürger und in Sainte-Croix heimatberechtigt. Als eines der vielen Opfer der Militärdiktatur wurde er im Mai 1977 in Buenos Aires verhaftet und gilt seither als verschollen.

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Chilenische Nationalfeier in der Schweiz

Am 18. September kochten die Besucher für über 400 Gäste chilenische Spezialitäten und boten ihre Volksmusik und Tänze dar.

Zu den Gästen gehörten nebst den Bewohnern von Sainte-Croix die Gemeinde- und Kantonsbehörden, die chilenische Kolonie in der Schweiz, die chilenische Botschafterin in Bern sowie die zukünftige Schweizer Botschafterin in Chile, Ivonne Baumann.

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