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Die Mühe der Schweizer mit den Kirchenoberen

Im Gegensatz zu den Gardisten fällt es anderen Schweizern schwer, sich Befehlen der Kirchenoberen zu beugen. Keystone

Die Schweizer Katholiken hatten oft andere Vorstellungen von der Kirche als Papst Johannes Paul II. Der neue Papst soll fortschrittlicher sein.

Dieser Inhalt wurde am 15. April 2005 - 15:43 publiziert

Einziger Schweizer Vertreter bei der Papstwahl im Konklave ist der ehemalige Bischof von Sitten, Kardinal Henri Schwery, der als kritischer Konservativer gilt.

Wiederholt wies Papst Johannes Paul II. die widerspenstigen Schweizer Katholiken zurecht und bremste sie in ihrem Reformeifer. Die Beziehung zwischen der Schweiz und dem Vatikan war oft schwierig, was nicht zuletzt wohl auch in dem direktdemokratischen Staatsverständnis der Schweizer liegt, das sich mit der strengen Hierarchie des Vatikans schlecht vereinbaren lässt.

Der verstorbene Papst hatte mit der Konzentration der Macht auf die römische Kurie vehemente Kritik geerntet. Unter seinem Pontifikat sah sich die katholische Kirche hierzulande mit zahlreichen Austritten und mit zunehmender Kritik von der Basis konfrontiert. Im Gegenzug wurden kritische Gläubige ausgegrenzt oder unbequeme Pfarrer abgesetzt.

Die Wahl des neuen Papstes, zu der sich das Konklave am Montag zurückzieht, ist eng verbunden mit dem künftigen Kurs des Vatikans und der Frage, wie gross die Kontrolle der Kurie über die Bischöfe und über deren Umgang mit den Gläubigen sein wird.

Mehr Mitsprache für die Basis

"Ich wäre sehr froh, wenn der neue Papst weniger diktatorisch wäre und die Macht, die jetzt vor allem in Rom konzentriert ist, wieder verteilt. Die Weltkirche und die Basis der katholischen Kirche müssten stärker miteinbezogen werden", sagt Schwester Elia Marty gegenüber swissinfo. Sie ist die Oberin der Barmherzigen Schwestern vom heiligen Kreuz im Berner Viktoria-Spital, wo Johannes Paul ll. bei seiner letzten Reise in die Schweiz übernachtet hatte.

Einen konkreten Wunschkandidaten nennt Marty keinen: "Ich kenne die Herren nicht. Aber der neue Papst dürfte nicht zu alt sein, müsste lebendig genug und vor allem geistig beweglich sein. Einen Achtzigjährigen fände ich zu alt."

Die Fenster, die unter dem konservativen Vorgänger geschlossen worden seien, müssten nun wieder geöffnet werden. Es sei dringend nötig, dass sich die Kirche jetzt den Zeitfragen stelle und die gesellschaftlichen Entwicklungen nachvollzöge, sagt Marty weiter.

Starke Ortskirchen statt Zentralgewalt

Auch die Schweizer Bischöfe fordern ein stärkeres Gehör für die Ortskirchen und grösseren Einfluss für die nationalen Bischofskonferenzen. Sie hatten sich insbesondere in den Fragen der Laienpredigt und der Ökumene mit dem verstorbenen Papst überworfen.

Über die Landesgrenzen hinweg hatte ihre Auseinandersetzung mit der römischen Kurie um die Ernennung von Wolfgang Haas zum Bischof von Chur für Aufsehen gesorgt, bei der das Wahlrecht des Churer Domkapitels verletzt worden war.

Bislang haben erst zwei prominente Vertreter von Schweizer Diözesen ihren Wunschkandidaten für die Nachfolge von Papst Johannes Paul II. genannt. Bernard Genoud, Bischof von Lausanne, Genf und Freiburg, plädierte für Kardinal Christoph Schönborn, den Erzbischof von Wien.

Bernhard Trauffer, der Generalvikar der Diözese Basel, dagegen wünscht sich einen Anwärter aus Lateinamerika. Oscar Andres Rodriguez Maradiaga, der 62-jährige Erzbischof von Tegucigalpa in Honduras, strahle Fröhlichkeit aus und habe Charisma, sagte Trauffer gegenüber der Tageszeitung "Der Bund". Ein Nicht-Europäer als Nachfolger des verstorbenen Papstes würde ihn "ausserordentlich freuen".

Die Schweizer Stimme im Konklave

Als einziger Schweizer nimmt Kardinal Henri Schwery am Konklave teil, das den neuen Papst wählt. Trotz Spekulationen über mögliche Favoriten, wollte sich der Kardinal vor seiner Abreise nach Rom nicht auf Prognosen einlassen.

Er denke, dass die Kardinäle nicht mit einer vorgefassten Meinung nach Rom reisen würden, sagte er in Westschweizer Zeitungen.

Er selbst habe sich auch noch nicht auf einen Favoriten festgelegt, so Schwery weiter. Als Nachfolger favorisiere er aber einen Kandidaten, der die Arbeit als Seelsorger kenne. Er gebe zu, dass er Mühe haben werde, mit Mitgliedern der Kurie die gleiche Wellenlänge zu finden, die ihre Karriere in der Bürokratie des Vatikans absolviert hätten.

Keine Chance für die Konservativen

Der 1979 von Papst Johannes Paul ll. wegen seiner kritischen Publikationen geächtete Schweizer Theologe Hans Küng wünscht sich einen Papst "mit Mut, einen Neuanfang der Kirche zu initiieren." Dabei müsse er dringende Fragen ansprechen wie die Dezentralisierung, den Priestermangel, das Zölibat, ein Mitspracherecht für Laien und die Gleichberechtigung für Frauen.

Laut Küng hat ein "extrem konservativer" Nachfolger im anstehenden Konklave kaum eine Chance. "Auch in der römischen Kurie haben viele genug von der 25 Jahre lang herrschenden Erstarrung, die durch das Gespann Wojtyla/Ratzinger eingebracht wurde", sagte Küng.

Jung soll er sein, jedenfalls nicht älter als 60

Auch die Schweizer Bevölkerung wünscht sich einen reformfreudigeren Papst. Wie eine aktuelle Umfrage zeigt, erhoffen sich rund drei Viertel der Katholiken, dass ihr künftiges geistiges Oberhaupt innerhalb der Kirche fortschrittlichere Positionen vertritt als sein Vorgänger.

Grosse Mehrheiten sprachen sich zudem für eine Aufhebung des Zölibats und für die Zulassung der Frauen zum Priesteramt aus. Eine Mehrheit wünscht sich auch einen jüngeren Papst, jedenfalls dürfe er nicht über 60 sein.

Den aussenpolitischen Weg von Karol Wojtyla soll der neue Papst dagegen weiterführen. Von ihm erwarten über 90% der Katholiken, dass er sich "in die Weltpolitik" einmischt und gegen jede Art von Krieg protestiert.

swissinfo, Nicole Aeby

Fakten

Am 18. April tritt das Konklave streng abgeschirmt von der Öffentlichkeit im Vatikan zusammen.

Das Konklave ist die Versammlung der unter 80-jährigen Kardinäle aus aller Welt, die einen Nachfolger für Johannes Paul II. wählt.

Zurzeit sind 115 Purpurträger wahlberechtigt, unter ihnen ein einziger Schweizer, Kardinal Henri Schwery.

In der Sixtinischen Kapelle finden jeden Vormittag und jeden Nachmittag zwei Wahlgänge statt, bis ein Kandidat die erforderliche Zweidrittelmehrheit erhält.

Wenn dies in 30 Wahlgängen nicht möglich ist, reicht die einfache Mehrheit aus.

Zum Papst kann jeder Katholik gewählt werden. Seit 1378 wurde jedoch stets ein Kardinal gewählt.

Beim Einzug in die Sixtinische Kapelle müssen sich die Kardinäle jeweils von den Schweizer Gardisten kontrollieren lassen. Die Würdenträger müssen dabei auch durch einen Metalldetektor schreiten.

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In Kürze

Das Zweite Vatikanische Konzil ist bis heute der wichtigste Orientierungspunkt der katholischen Kirchenpolitik.

Das sogenannte Vatikanum II von 1962 bis 1965 wurde von Papst Johannes XXIII. einberufen.

Zu den wichtigsten Beschlüssen des Konzils gehörten Reformen der Liturgie und der römischen Kurie.

Dabei wurde das Prinzip der Kollegialität verankert, das die Stellung der Bischöfe gegenüber der Zentralgewalt, das heisst der römischen Kurie, stärkte.

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