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Der Physiker, der an die Kraft der Sonne glaubt

swissinfo.ch

In der Sahara Solarstrom in grossen Mengen produzieren und nach Europa und Nordafrika exportieren: Diese Vision verfolgt den pensionierten Physiker Gerhard Knies seit 20 Jahren. Wüsten seien die grösste, ungenutzte Energiequelle, sagt Knies im swissinfo-Interview.

Dieser Inhalt wurde am 10. September 2009 - 08:08 publiziert
Andreas Keiser, Rorschach, swissinfo.ch

Als Elementarteilchen-Physiker war er einst begeistert von der Kernspaltung. Mit der Tschernobyl-Katastrophe kam das Umdenken.

"Die Ära fossiler Energieträger muss in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts beendet werden", sagt der 72-jährige Gerhard Knies: "Die Rettung der Umwelt ist eventuell noch möglich durch den rapiden und radikalen Übergang zu sauberen und unerschöpflichen Quellen."

swissinfo.ch: Trotz Kritiken und immensen Kosten glauben Sie seit Jahren an Ihr Projekt. Wieso?

Gerhard Knies: Um gesund zu werden, geben die Leute sehr viel Geld aus, bevor sie sterben. Vielleicht gilt das schon bald auch für unseren Planeten. Wir stehen vor den Herausforderungen des Klimawandels und der Überbevölkerung.

Die Weltbevölkerung ist auf dem Weg zur 10 Milliarden-Marke. Das Bevölkerungswachstums muss gestoppt werden. Das geschieht entweder durch heftige Krisen oder durch die Schaffung von Wohlstand für 10 Milliarden Menschen. Wohlstand stoppt das Bevölkerungs-Wachstum, Armut befördert es. Doch Wohlstand erfordert zusätzliche Energien.

Die grösste und bisher am wenigsten genutzte Energiequelle sind die Wüsten der Erde. In zwei Wochen erhalten sie von der Sonne so viel Energie wie in sämtlichen bekannten und noch vermuteten Ölvorräten enthalten ist.

swissinfo.ch: Was sagen Sie den Skeptikern, also auch den Stromkonzernen, die an der Rendite zweifeln?

G.K.: Das Geld muss sowieso aufgewendet werden, denn neue Kraftwerke müssen immer gebaut werden. Wir wollen Kraftwerke, die Brennstoff brauchen, mit solchen ersetzen, die ohne Brennstoff funktionieren.

Wir ersetzen also den Einkauf von Öl durch den Bau von Anlagen. Der Öl- und der Gaspreis können jederzeit sehr stark ansteigen. Ein Bankkredit hingegen ist festgelegt und klar berechenbar. In zwanzig Jahren ist der Kredit abbezahlt, und die Anlage läuft weiter. Dann wird der Strom billiger.

swissinfo.ch: Kurzfristig jedoch ist Öko-Strom teurer.

G.K.: Energie ist nicht lediglich eine Ware. Wenn die Energie fehlt, ist die Funktionsfähigkeit der Gesellschaft gestört. Insofern hat Energie nicht nur den Wert einer Ware.

Die Folgen der Energiebeschaffung für das Klima werden nicht in den Warenwert mit einbezogen. Die fossilen Energien kommen zu billig davon, denn sie bezahlen nicht für die Schäden, die sie verursachen. Erneuerbare Energien lösen keine Schäden aus, müssen aber auf dem Markt mit den fossilen Energien in Konkurrenz treten. Das ist die Ökonomiefalle.

swissinfo.ch: Sie strahlen eine grosse Begeisterung aus. Haben Sie manchmal auch Zweifel an der Machbarkeit?

G.K.: Technisch ist es machbar, das ist erwiesen. Es gibt bereits solche Anlagen in andern Teilen der Welt. Diese funktionieren seit 20 Jahren. Es ist keine technologische Innovation im Spiel, es ist nur ein neues Zusammenspiel von Europa mit Nordafrika. Diese Kooperation muss jetzt entwickelt werden.

swissinfo.ch: Heisst das, dass die Anlage nicht nur elektrische Energie für Europa, sondern auch nach Nordafrika liefern wird?

G.K.: Ja. Wir gehen vom Energiebedarf aus, wie er sich voraussichtlich entwickeln wird. Nordafrika braucht nach unseren Berechnungen in Zukunft drei bis viermal mehr Energie, als es jetzt hat. Mit unserem Projekt kann die benötigte Energie bereit gestellt werden. Das ist eine Frage der Investoren.

Unabhängig davon kann man in Anlagen investieren, die nach Europa exportieren. Beides kann parallel passieren, da steht sich nichts im Weg. Wenn die Europäer anfangen, dort zu investieren, werden auch die Nordafrikaner grösseres Vertrauen in die europäische Technologie gewinnen.

swissinfo.ch: Welche Wertschöpfung hätte denn Nordafrika?

G.K.: Die Solarkollektoren können zu 90% vor Ort gebaut werden. Der Aufbau der Kraftwerke wird mit lokalen Arbeitskräften gemacht werden. Es werden dort Zulieferbetriebe für Glas, für Metalle oder andere Komponenten entstehen. Auch die Weiterentwicklung der Technologie ist eine Siedlungsperspektive, ein Industrialisierungskern. Der damit verbundene Wirtschaftsaufschwung wird eine stabilisierende Wirkung haben.

Mir ist kein richtiges Industrieprodukt bekannt, das wir von Nordafrika kaufen. Strom wäre das erste Industrieprodukt, das man in Nordafrika besser produzieren kann als in Europa, weil dort die Sonne stärker scheint.

swissinfo.ch: Solarthermische Kraftwerke sind ein Eingriff in das Ökosystem der Wüste. Wie steht es um die Nachhaltigkeit?

G.K.: Wir brauchen von der Gesamtfläche der Sahara gerade mal ein oder zwei Promille. Das ist sehr wenig.

swissinfo.ch: Was geschieht, wenn Terroristen die Hochspannungsleitung nach Europa ausser Betrieb setzten?

G.K.: Es wird nicht eine Leitung, sondern etwa 20 oder 30 Leitungen geben. Die Kapazität der Leitungen ist schon aus technischen Gründen begrenzt. Jede Leitung kann jederzeit abgeschaltet werden. Man hat also Redundanzen. Der Strom, der durch eine abgeschaltete Leitung ging, kann von andern Leitungen übernommen werden.

swissinfo.ch: Wie reagieren die nordafrikanischen Regierungen auf das Projekt?

G.K.: Die sind sehr interessiert. Übermorgen bin ich in Marokko. Ich wurde von der marokkanischen Regierung eingeladen, die sich über das Projekt und die Möglichkeiten, sich daran zu beteiligen, informieren lassen will.

Desertec

Gerhard Knies lebt in Hamburg. Am 7. Und 8. September stellte er seine Visionen am Kongress des deutschen Think Tanks "forward2business" in der Schweiz vor.

Knies ist Präsident der Desertec Stiftung.

Im November soll das Projekt mit der Gründung einer Aktiengesellschaft konkrete Formen annehmen.

Hinter dem Projekt stehen Firmen wie die Münchener Rück, die grösste Rückversicherungs-Gesellschaft der Welt, der Schweizer Konzern ABB, die deutschen Energiekonzerne Siemens, RWE, EON, die Deutsche Bank und die spanische Ökoenergie-Firma Abengoa.

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Solar-Thermik als Technologie

Das Desertec-Projekt plant die Errichtung eines riesigen Netzes von Solarthermik-Anlagen in den Wüsten Nordafrika und des Nahen Ostens.

Diese Anlagen sollen aus grossen Spiegelflächen bestehen, die über mehrere Kilometer hinweg aneinander gereiht werden.

Zylindrisch und parabolisch in ihrer Form, folgen diese Spiegel dem Verlauf der Sonne. Sie reflektieren deren Lichtstrahlen in Röhren, die mit synthetischem Öl gefüllt sind.

Das Öl wird bis auf 400 Grad Celsius erhitzt. Es heizt Kanäle auf, in denen Wasser fliesst. Dieses verdampft und bringt damit Turbinen in Bewegung, die schliesslich den Strom erzeugen.

Im Gegensatz zum Strom, der mit photovoltaischen Zellen erzeugt wird, können diese thermischen Solaranlagen teilweise auch nachts Strom produzieren.

Der Strom soll via Hochspannungs-Leitungen nach Europa transportiert werden, die am Meeresboden entlang laufen.

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