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Das Museum ins Quartier geholt

Die Installation "Les Quatres Livres" der aktuellen Hirschhorn-Ausstellung in München. Keystone

Thomas Hirschhorn macht Kunst nicht nur für ein exklusives, sondern auch für ein offenes, zufälliges Publikum wie Passanten und Quartierbewohner.

Dieser Inhalt wurde am 17. März 2005 - 15:20 publiziert

Für die "Kunst, die einschliesst und nicht ausschliesst", arbeitet er mit Karton, Klebeband, Alufolien und Drucksachen – und auch mit Ikonen der Kunstgeschichte.

Skandalkünstler, Demokratiebeschimpfung, schmuddeliges Machwerk, Blödsinn, pubertäre Kunstaktion: Das waren die begrifflichen Ingredienzen der so genannten Hirschhorn-Affäre, die der Künstler mit seiner Pariser Ausstellung in Schweizer Medien und im Parlament auslöste.

Im Sturm ging jedoch der eigentliche Auslöser, die Kunst Thomas Hirschhorns, völlig unter. Dabei ist seine "künstlerische Logik", die er mit seinen Skulpturen zum Ausdruck bringt, mehr als bedenkenswert.

"Ich halte Thomas Hirschhorn für den politisch präzisesten Künstler der Schweiz", sagte der kürzlich verstorbene Harald Szeemann, der Schweizer Ausstellungsmacher, der die Welt der Kunst kannte wie kein Zweiter.

Kein Wortführer

Der in Paris lebende 48-jährige Hirschhorn versteht sich aber nicht als politischer Künstler: "Ich spreche für niemanden", proklamiert er. Ein politisches Amt wäre das letzte, was er anstrebt. Was er aber will: Seine Arbeit als Künstler politisch machen.

Und das beginnt für ihn bereits bei den Materialien, mit denen er arbeitet: Vorwiegend Gebrauchsgegenstände wie Karton, Verpackungen, Drucksachen, Klebeband, Alu- und Haushaltfolien und Bretter. "Ich wollte immer einfache, ökonomische, 'arme' Kunst machen, aber nicht Arte Povera", sagt Hirschhorn.

"Ich will mit dem arbeiten, was ich kenne, was mir am nächsten ist. Kunst ist für mich das Werkzeug, die Welt kennen zu lernen, in der ich lebe und mich mit deren Realität zu konfrontieren."

Kunst darf Fehler machen

Für ihn hat Kunst nichts mit Luxus zu tun. Diesen setzt er mit Qualität gleich. "Energie ja – Qualität nein!" lautet ein künstlerisches Credo Hirschhorns. Er will Kunst machen, die Fehler haben darf. Das "Prekäre", also das Ungewisse, ist einer seiner Lieblingsbegriffe.

Aus Gebrauchs-Materialen schafft der Berner Skulpturen und Räume, die er auf der Strasse, aber auch in den renommierten Museen der Welt ausstellt. Hirschhorn errichtet Altäre und Monumente für von ihm verehrte Künstler, Schriftsteller und Philosophen. Etwa für Piet Mondrian und Meret Oppenheim, Ingeborg Bachmann und Robert Walser, Michel Foucault und Georges Bataille.

Daneben stellt er Kioske auf und temporäre Museen mit Bibliotheken, Computern und Kopierapparaten. Diese Orte sind immer eine Art oszillierende Quartierzentren, in denen vom lokalen Hänger bis zur weitgereisten Kunstexpertin alle willkommen sind.

Vor der Haustür

Wie Hirschhorn arbeitet und seine "Logik als Künstler" umsetzt, verdeutlicht sein "Musée Precaire Albinot", das er von April bis Juni 2004 im Pariser Vorort Aubervilliers initiierte. Also quasi vor seiner Haustür, denn sein Atelier liegt nur zwei Strassen entfernt.

Die Idee Hirschhorns: Kunst, in diesem Fall acht Schlüsselwerke des 20. Jahrhunderts aus dem Fundus des Centre Pompidous, zu den Bewohnern in die Banlieue bringen. Dorthin, wo Kunst üblicherweise kaum anzutreffen ist.

Vom Aufbau des "Musée Precaire Albinot" aus Holzbalken und Brettern in einer Baulücke, über den achtwöchigen Betrieb bis zum Abbau - die Bewohnerinnen und Bewohner der Nachbarschaft waren immer und überall involviert.

Die Kerngruppe bildeten zwölf junge Menschen. Sie waren verantwortlich für sämtliche Bereiche wie Sicherheit, Transport, Rahmung, Installation und Kuratierung der Kunstwerke sowie für Öffentlichkeitsarbeit und Pädagogik. Das Centre Pompidou hatte die jungen Leute zuvor während zweier Monate zu einer Art Museums-Manager ausgebildet.

Eine Woche - ein Kunstwerk

Im Zentrum des "Musée Precaire Albinot" standen aber Kunstwerke von Duchamp, Malewitsch, Léger, Mondrian, Le Corbusier, Dali, Beuys und Warhol. Jedes für jeweils eine Woche. Ihnen gemeinsam war, dass die Künstler mit ihnen den utopischen Anspruch verbanden, die Welt zu verändern.

Bei jedem der acht Werke gab es eine Vernissage, Workshops, Lesungen, und ein Schlussfest. Auch Exkursionen, beispielsweise zu einem Bauwerk Le Corbusiers, standen auf dem Programm. Zum Museums-Betrieb gehörten auch ein Restaurant und eine Bar, ebenfalls von den Nachbarn betrieben.

Kunstraum angeeignet

Auffällig war, wie sich die Menschen aus Aubervilliers das temporäre Museum um die Ecke ohne falsche Scheu und Voreingenommenheit aneigneten: Im "Musée Precaire Albinot" herrschte eine gelöste Atmosphäre, Musik lief, vor dem eigentlichen Ausstellungs-Raum tollten Kinder herum. Kurz: Die Menschen füllten den Kunstraum mit Alltagsleben.

In Kontrast dazu standen die Mitglieder der Kerngruppe: Die jungen Leute waren über das in sie gesetzte Vertrauen, die Verantwortung über die Kunst-Ikonen zu tragen, sehr stolz. Sie erfüllten ihre Aufgaben mit Bravour.

Lob des Leihgebers

Alfred Pacquement, Direktor des Musée National d'Art Moderne im Centre Pompidou, war jedenfalls des Lobes voll über Hirschhorns Satelliten-Museum: "Das 'Musée Precaire Albinot' war eine eindrückliche Erfahrung, auch für unsere Mitarbeiter!"

Obwohl die Leute aus der unmittelbaren Nachbarschaft im "Musée Precaire Albinot" die tragende Rolle spielten, will es Thomas Hirschhorn aber nicht als sozio-kulturelles Projekt verstanden wissen: "Ich bin ein Künstler, ich bin kein Sozialarbeiter."

swissinfo, Renat Künzi

In Kürze

Das "Musée Precaire Albinot" von Thomas Hirschhorn stand von April bis Juni 2004 in Aubervilliers, einer Pariser Banlieu.

Aufbau, Betrieb und Abbau haben Quartierbewohner bestritten.

Jede Woche wurde ein bedeutendes Kunstwerk des 20. Jahrhunderts augestellt, welches das Centre Pompidou auslieh.

Im temporären Museum konnte die Quartierbevölkerung Kunst kennen lernen – in ihrer Umgebung.

Das Centre Pompidou zog ein sehr positives Fazit aus dem "Musée Precaire Albinot".

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