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Coronavirus: Ist die Schweiz bereit für die neue Welle?

Swissmedic prüft derzeit ein Zulassungsgesuch für einen Moderna-Impfstoff, der gegen die neuen Omikron-Varianten wirksamer sein und auch gegen die ursprünglichen Varianten gut schützen soll. Keystone / Pablo Gianinazzi

Angesichts der erneut steigenden Zahl von Covid-19-Fällen wird wieder über Impfstoffe und Schutzmassnahmen für den Herbst gesprochen. Ist die Schweiz gut gerüstet für eine neue Pandemiewelle? Welche Massnahmen können wir erwarten? swissinfo.ch hat diese Fragen mit Hilfe von Gesundheitsbehörden und einer Expertin beantwortet.

Dieser Inhalt wurde am 08. Juli 2022 - 08:34 publiziert

Die Weltgesundheits-Organisation (WHO) berichtete kürzlich, dass die wöchentlichen Fälle von Covid-19 weltweit stetig zunehmen, besonders im östlichen Mittelmeerraum (+29%), in der südostasiatischen Region (+20%) und in der europäischen Region (+15%).

In der Schweiz wurden in der letzten Woche 46'025 Fälle von Coronaviren registriert, fast 13'000 mehr als in der Vorwoche.

swissinfo.ch analysiert, wie es um die Impfung und Immunität in der Schweiz steht und welche Massnahmen nach den Sommerferien zu erwarten sind.

Wie hoch sind Durchimpfungsrate und Immunität in der Schweiz im Ländervergleich?

Die Impfsituation in der Schweiz ist im Vergleich zu den übrigen Industrieländern nicht sehr gut. Die Durchimpfungsrate (mit zwei Dosen Impfstoff) liegt bei 69%. Zählt man auch die Personen dazu, die mit einer Dosis geimpft wurden, erhöht sich dieser Prozentsatz auf 70%. Wie die Grafik zeigt, ist die Schweiz das Schlusslicht unter den reichen europäischen Ländern, was den Prozentsatz der geimpften Personen betrifft.

Es muss jedoch berücksichtigt werden, dass viele der nicht geimpften Personen an Covid-19 erkrankt sind und sich bereits erholt haben. "Aber die Immunität, die auf eine Infektion mit Omikron folgt, ist im Labor nicht gut auf den Schutz gegen andere Varianten getestet worden", sagt Samia Hurst-Majno, ehemalige Vizepräsidentin der Nationalen Covid-19-Taskforce und Professorin für medizinische Bioethik an der Universität Genf.

Dies bedeutet, dass es derzeit nicht möglich ist, festzustellen, inwieweit die geheilten Personen tatsächlich gegen die neuesten Omikron-Untervarianten (BA.4 und BA.5) geschützt sind. Diese sind anscheinend viel ansteckender als ihre Vorgängerinnen und können sich dem Immunsystem entziehen.

Dies gilt jedoch auch für jene, welche die letzte Impfdosis vor Monaten erhalten haben: Auch diese Personen sind weniger gut gegen das Virus geschützt. "Besonders diejenigen, bei denen das Risiko eines schweren Verlaufs besteht, sollten Zugang zu einer vierten Dosis haben", sagt Hurst-Majno. Derzeit ist dies in der Schweiz nur in einigen wenigen Kantonen möglich.

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Welche Impfstoffe gibt es in der Schweiz, und wie gut schützen sie vor Covid-19?

In der Schweiz werden derzeit vier Impfstoffe gegen Covid-19 für Kinder ab 12 Jahren verabreicht: Pfizer/Biontech, Moderna, Janssen, Novavax. Pfizer/Biontech ist der einzige Impfstoff, der auch für die Verabreichung an Kinder im Alter von fünf bis elf Jahren zugelassen ist.

Die verfügbaren Impfstoffe schützen ausreichend vor den schweren Formen der Krankheit, verringern aber nur in begrenztem Masse die Infektionsrisiken und einen milden Verlauf der im Umlauf befindlichen Varianten.

Deshalb prüft Swissmedic derzeit ein Zulassungsgesuch für einen bivalenten Moderna-Impfstoff, der gegen die neuen Omikron-Varianten wirksamer sein soll und auch gegen die ursprünglichen Varianten gut schützt.

Da die Viren mutieren, ist es wichtig, die bestehenden Impfstoffe zu aktualisieren und ein System zu schaffen, mit dem sie schnell zugelassen werden können, wie es bei den Grippeimpfstoffen der Fall ist, sagt Hurst-Majno. Swissmedic schweigt sich jedoch über den Zeitrahmen für die Zulassung dieses Impfstoffs aus.

Könnte es eine vierte Impfstoffdosis für alle geben?

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) ist der Ansicht, dass eine zweite Auffrischungsimpfung, also ein zweiter sogenannter Booster, für die gesamte Bevölkerung empfohlen werden sollte, wobei Personen über 65 Jahre, gebrechliche Personen, schwangere Frauen und Personen, die im Gesundheitswesen arbeiten, Vorrang haben sollten.

Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass ein solcher Entscheid vor dem Herbst kommt. In der Tat gibt es noch viele unbekannte Faktoren, wie beispielsweise den Schutz von Impfstoffen gegen die neue Variante von Omikron BA.5.

Aufgrund des Anstiegs der Fallzahlen seit Anfang Juni und der erhöhten Prävalenz dieser Variante empfiehlt das BAG den Kantonen jedoch, ab sofort die zweite Auffrischungsimpfung für schwer immungeschwächte und über 80-jährige Personen durchzuführen. Dies wiederum kostenlos. Die übrige erwachsene Bevölkerung soll dann im Herbst folgen.

Diejenigen, die nicht zu diesen Kategorien gehören, aber dennoch bereits jetzt eine vierte Impfdosis für Reisen ins Ausland erhalten möchten, können dies aktuell auf eigene Kosten tun.

Das BAG wies auch darauf hin, dass im Fall der Zulassung einer zweiten Auffrischungsimpfung im Herbst die Altersgruppen von fünf bis 15 Jahren nicht betroffen wären.

Könnten bald auch Jungen und Mädchen unter fünf Jahren Zugang zur Covid-19-Impfung haben?

In einigen Ländern, neuerdings auch in den USA, können Jungen und Mädchen unter fünf Jahren mit Covid-19 geimpft werden. Dies ist in der Schweiz nicht der Fall, aber Swissmedic evaluiert derzeit den Einsatz von Moderna bei Kindern von sechs Monaten bis fünf Jahre.

Auch hier ist der Zeitrahmen für die Genehmigung nicht bekannt. Hurst-Majno betont aber, dass es für Swissmedic wichtig sei, die Daten zu prüfen und frühzeitig einen Entscheid zu fällen, so oder so.

In Ländern, in denen es bereits möglich ist, Kinder unter fünf Jahren gegen das Coronavirus zu impfen, hat man festgestellt, dass die Nebenwirkungen denen in höheren Altersgruppen recht ähnlich sind. Auch die Wirksamkeit scheint im Grossen und Ganzen ähnlich zu sein. Das bedeutet, dass es auch im Alter von unter fünf Jahren kaum Schutz vor neuen Varianten gibt.

Welche Massnahmen können wir im Herbst erwarten?

In der Schweiz liegt die Verantwortung für die Umsetzung von Massnahmen gegen die Verbreitung von Covid-19 bei den einzelnen Kantonen. Bisher haben die Schweizer Gesundheitsbehörden nur Empfehlungen für Impfungen ausgesprochen und sich auf die Eigenverantwortung für andere Massnahmen wie etwa das Maskentragen berufen.

In anderen Ländern wird jedoch bereits eine mögliche Rückkehr zur Verwendung von Masken in öffentlichen Verkehrsmitteln und in Innenräumen diskutiert. In Frankreich hat der Gesundheitsminister dies empfohlen.

Diese Massnahme könnte notwendig sein, um einen sicheren Zugang zur Spitalpflege zu ermöglichen und um immungeschwächte Personen zu schützen.

"Die Gesellschaft muss für alle offen sein", sagt Hurst-Majno. "Alle müssen daher in der Lage sein, sicher und ohne unverhältnismässige Risiken Zugang zu Lebensmitteln, öffentlichen Verkehrsmitteln und grundlegenden Gütern und Dienstleistungen zu erhalten."

Müssen wir uns Sorgen machen?

Der Anstieg der Fallzahlen ist völlig normal und hängt von der Entwicklung infektiöserer Varianten und deren Fähigkeit ab, sich der Immunabwehr zu entziehen. Ausserdem gibt es keine wissenschaftlichen Beweise dafür, dass die Mutationen BA.4 und BA.5 gefährlicher sind oder schwerere Verläufe oder Todesfälle verursachen als frühere Omikron-Varianten.

Das heisst aber nicht, dass wir uns zurücklehnen können. Zusätzlich zur abnehmenden Herdenimmunität seien die Spitäler nicht mehr so gut ausgestattet wie im Jahr 2020, und Long Covid bleibe ein Problem, sagt Hurst-Majno.

(Übertragung aus dem Italienischen: Christian Raaflaub)

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