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Cisalpino schädigt Ruf der Schweiz als Bahnland

Keystone

Wegen anhaltender Verspätungen und Pannen könnte die Cisalpino AG die Konzession verlieren. Dabei wiegen die strukturellen Probleme im Zugsverkehr zwischen der Schweiz und Italien schwer. Daran wird auch eine neue Neigezug-Generation nichts ändern.

Dieser Inhalt wurde am 09. Februar 2009 - 21:29 publiziert

Dem Schweizer Verkehrsminister Moritz Leuenberger platzte vor wenigen Tagen der Kragen: "Bei uns eine Bahnlinie zu führen, ist nicht nur ein Recht, sondern auch eine Pflicht, dies gut zu tun. Die Schweiz hat einen guten Ruf beim Bahnverkehr zu verteidigen. Ich kann nicht in Brüssel Preise entgegennehmen und unseren Kunden ein solches Desaster zumuten!"

Gemeint ist der Zustand bei der Cisalpino AG, welche das Monopol auf den Zugsverkehr zwischen Italien und der Schweiz hat. Insbesondere die alten Neigezüge vom Typ ETR 470 sind katastrophal: Türen klemmen, Toiletten sind verstopft, die Einrichtung schmutzig. Dazu kommen chronische Verspätungen oder auch Totalausfälle der Zugskompositionen.

Dramatisch verschärft hat sich die Lage seit dem Fahrplanwechsel am 14. Dezember 2008. Dieser war unter der Voraussetzung entworfen worden, dass zumindest einige der neuen Neigezüge des Typs ETR 610 im Einsatz wären. Auf diese Züge, die von Alstom in Italien gefertigt werden, wartet man indes seit zwei Jahren vergeblich.

Ultima ratio

Das Bundesamt für Verkehr (BAV) als Aufsichtsbehörde hat jedenfalls genug. Die Behörde hat Cisalpino aufgefordert, bis Ende Februar einen Bericht zu den Qualitätsmängeln und ihrer Behebung zu verfassen. "Als ultima ratio wäre sogar ein Widerruf der bis 2017 laufenden Konzession denkbar", meint BAV-Sprecher Davide Demicheli.

Die Pannen haben mittlerweile dazu geführt, dass auf der Lötschberg-Linie im Verkehr zwischen Basel/Bern und Mailand überhaupt keine Neigezüge mehr eingesetzt werden. Umsteigen in Domodossola ist angesagt. Denn nur Neigezüge sind in der Lage, auf beiden Stromnetzen (Schweiz/Italien) zu fahren.

Auf der Gotthard-Linie (Zürich/Luzern - Gotthard-Chiasso-Milano) wurden ebenfalls Neigezüge durch herkömmliches Rollmaterial ersetzt. Dort ist in mehreren Fällen nun ein Umsteigen in Lugano angesagt. Bei Verspätungen des Cisalpino von Mailand wartet in Lugano der Anschlusszug Richtung Norden zudem nicht mehr.

Passagiere protestieren

Auch wenn Personal der Cisalpino AG Passagieren auf dem Perron helfen, ist das Chaos gross. Reisende aus Italien verpassen wegen der Verspätungen häufig ihre Anschlusszüge in der Schweiz. Wer wegen viel Gepäck extra einen durchgehenden Cisalpino-Zug gebucht hat, muss nun die Koffer aus- und einladen. Gerade ältere Personen protestieren.

Für Pro Bahn Schweiz, die Vereinigung der Bahnbenutzer, steht mit Cisalpino der Ruf der Schweiz als Bahnland auf dem Spiel. Auch wenn die Ursachen wie mangelnder Unterhalt der Züge in Italien zu suchen sei, würden Reisende den Cisalpino-Service mit der Schweiz identifizieren.

Die Intervention des Bundesamtes für Verkehr (BAV) wird daher begrüsst. "Aber der Schritt kommt viel zu spät, wir haben das Bundesamt seit Jahren auf die katastrophale Situation bei Cisalpino aufmerksam gemacht", kritisiert Pro-Bahn-Präsident Edwin Dutler.

Strukturelle Probleme in Italien

Cisalpino und die SBB haben erklärt, Verständnis für die Haltung des BAV zu haben. Und Cisalpino-Direktor Alain Barbey wiederholt, dass man alles tue, um die Situation zu verbessern. Er verweist zudem immer wieder auf Alstom, welche die neuen ETR-610-Züge nicht geliefert habe.

Tatsächlich ist aber nicht anzunehmen, dass die Probleme von Cisalpino mit den neuen Zügen gelöst werden. Eines der Hauptprobleme ist nämlich, dass die Cisalpino-Züge im Bahnhof Mailand nur dritte Priorität geniessen. Sie müssen sowohl den Hochgeschwindigkeitszügen als auch den Regionalzügen Vortritt lassen. So kumulieren sich Verspätungen.

Das Schiennetz im Raum Mailand ist zudem überlastet. Die Situation sei extrem vertrackt, räumt auch BAV-Sprecher Demicheli ein. Selbst der allfällige Widerruf der Konzession könnte das Problem nur lösen, wenn dann Alternativen vorhanden wären und sich in Italien die Situation grundlegend ändere.

Vorgeschlagen wurde bereits, dass die SBB die Mehrheit bei Cisalpino übernehmen soll. Möglich wäre auch ein privates Bahnunternehmen im Personenverkehr zwischen der Schweiz und Italien. Dazu bräuchte es wiederum den freien Zugang auf das Schweizer Schienennetz. Bis es soweit ist, werden noch einige Jahre ins Land ziehen.

swissinfo, Gerhard Lob

Cisalpino AG

Die Cisalpino AG wurde am 23. November 1993 durch die italienischen und die schweizerischen Bahnen (Trenitalia SpA und SBB) gegründet. Die beiden Unternehmungen besitzen einen Anteil von je 50 Prozent an der Tochtergesellschaft.

Seit Dezember 2005 ist die Cisalpino AG für sämtliche internationalen und alpenquerenden Tagesverbindungen zwischen der Schweiz und Italien verantwortlich.

Die wichtigsten Strecken sind Genf-Brig-Mailand, Basel-Bern-Lötschberg-Mailand und Zürich-Gotthard-Mailand und umgekehrt.

Der Unternehmenssitz befindet sich in Bern. Pro Jahr werden rund 12 Millionen Passagiere transportiert.

Trotz des miserablen Service konnte Cisalpino auf Grund der Monopolstellung im Zugsverkehr von und nach Italien gute Geschäftszahlen schreiben.

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Geld zurück

Cisalpino hat auf die chronischen Verspätungen reagiert. Für die Reisedaten vom 08.01.2009 bis zum 31.03.2009 erstattet Cisalpino bei Verspätungen von über 45 Minuten 30% des Preises auf den internationalen Tickets zurück.

Damit geht Cisalpino nach eigenen Angaben über die gültigen internationalen Bestimmungen hinaus, die eine Rückerstattung von 20% bei einer Verspätung von über einer Stunde vorsehen.

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