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Börsenflucht nach Börsenboom

Die Börse hat an Attraktivität eingebüsst. Keystone

Diverse Schweizer Firmen mittlerer Grösse verlassen die Börse. Als letztes bekanntes Unternehmen hat der Nahrungsmittel-Hersteller Hero seinen Rückzug von der Börse angekündigt.

Dieser Inhalt wurde am 22. April 2003 - 18:01 publiziert

In einigen Fällen hat die Börsenkotierung mehr Nach- als Vorteile.

"Auch ich würde mich am liebsten von der Börse zurückziehen", sagte Nick Hayek jr. vor kurzem im "Tages-Anzeiger". "Nehmen Sie beispielsweise Rolex. Niemand fragt, ob der Umsatz 2% gestiegen oder gefallen ist. Dort kann die ganze Energie eingesetzt werden, um die Firma voranzubringen und in Frieden zu arbeiten."

Für etliche Schweizer Unternehmen haben sich die Träume des Swatch-Direktors bereits realisiert. Zumindest steigt die Zahl der Firmen, die sich nach dem Ende des Börsenbooms vom Markt zurückgezogen haben oder sich dies zumindest überlegen.

Zellweger-Luwa

Darunter befindet sich beispielsweise die Technologie-Gruppe Zellweger-Luwa. Im Dezember 2002 hat die Zürcher Firma in der Folge von Finanzschwierigkeiten entschieden, den Bereich der elektronischen Textil-Industrie zu verkaufen, um sich auf die Produktion von Klimaanlagen und Gas-Alarm-Meldesystemen zu konzentrieren.

Gleichzeitig hat Zellweger-Luwa entschieden, sich von der Börse zurückzuziehen. Am Ende des Rückkauf-Angebots börsenkotierter Aktien, im März 2003, war die Hesta-Holding als Mehrheitseignerin der Firma im Besitz von 98,7% des Aktienkapitals.

Unigestion



Ein ähnlicher Fall liegt bei der Genfer Beteiligungs-Gesellschaft Unigestion vor, die Vermögen in Höhe von 4,5 Mrd. verwaltet. Nach der Rückkehr in die schwarzen Zahlen im Jahr 2002 mit einem Nettogewinn von 2,1 Mio. Franken (gegenüber einem Verlust von 2,5 Mio. Franken im Vorjahr), hat die Gesellschaft im März 2003 ihren angestrebten Rückzug von der Börse bekannt gegeben.

Den Minderheits-Aktionären wurden 91 Franken pro Aktie zum Rückkauf der Titel angeboten. Die Gesellschaft ist jetzt bereits im Besitz von 71% der Aktien.

Hilti



Auch die auf die Herstellung von Baumaschinen spezialisierte Firma Hilti mit Sitz in Liechtenstein hat im Februar 2003 entschieden, den Swiss Exchange zu verlassen. Sie machte ein Rückkaufangebot für 60% der Beteiligungsscheine ohne Stimmrecht, die nicht von der Familie Hilti gehalten wurden (alle nominalen Aktien gehörten bereit der Familie).

Gleichzeitig wurde bekannt gegeben, dass die Firma ihre Aktivitäten auf die industrielle Fertigung konzentriert und den Finanzbereich aufgibt. Das Rückzugsgefecht von der Börse wurde am 2. April mit Erfolg abgeschlossen. 94,7% der Beteiligungsscheine befinden sich nunmehr in den Händen des Martin-Hilti-Trust, dessen Kapital zu 100% der Familie Hilti gehört.

Hero


Als vorläufig letzte bekannte Firma hat sich der Lebensmittel-Hersteller Hero mit Sitz in Lenzburg (Kanton Aargau) zu einem Rückzug von der Börse entschlossen. Die Mehrheitsaktionärin FIM, die 74% der Aktien hält und zur deutschen Gruppe Schwartau (Besitzer Arend Oetker) gehört, hat das Rückkauf-Angebot im März 2003 lanciert.

Diese Aktion könnte jedoch schwieriger werden als geplant. Denn das Angebot von 165 Franken pro Aktie wird von vielen Kleinaktionären als zu gering erachtet. Das Ziel, 95% der Aktien zu halten (Bedingung zum Börsenrückzug), könnte daher möglicherweise nicht erreicht werden.

Ems-Chemie

Gerüchte eines möglichen Börsenrückzugs machten auch von der Ems-Chemie die Runde, die dem Zürcher SVP-Nationalrat Christoph Blocher gehört. Im Sommer 2002 hatte einige Analysten geglaubt, dass in Folge einer Aktienausgabe 35% des frei handelbaren Aktienkapitals zurückgekauft werden sollte.

Die Zürcher Kantonalbank, welche die Finanzierung förderte, schloss jedoch aus, dass die Ems-Chemie das Kapital nutzen wollte, um sich von der Börse zurückzuziehen.

Nachteile der Börsenkotierung

Warum verliert die Börse für die eben genannten Unternehmen an Attraktivität? Erinnern wir uns: In den Neunziger Jahren herrschte noch eine regelrechte Börsen-Euphorie.

Solange die Aktienmärkte wuchsen, bot die Börsen-Präsenz eine gute Möglichkeit, Kapital zu erhalten, ohne sich bei Banken verschulden zu müssen. Ausserdem wurde ein Unternehmen so besser wahrgenommen.

Heute gilt dies nicht mehr. "Zudem hat sich in den letzten 10 Jahren die Haltung der Investoren grundlegend gewandelt", sagt Rodolfo Pusterla, Analyst bei der Gotthard-Bank. "Firmen sollen durch Selbstfinanzierung wachsen und nicht durch Kapital-Erhöhungen."

Geringes Handelsvolumen von Titeln


Das Interesse an einer Börsen-Präsenz hat daher deutlich abgenommen. Zudem werden gemäss Pusterla Unternehmungen mittlerer Grösse sowieso von den Investoren weitgehend ignoriert. "Vor allem, weil deren Titel kaum Liquidität haben. Dies schreckt institutionelle Anleger ab. Ausserdem handelt es sich um Firmen mit einem erhöhten Risikoprofil."

Zum Fall Hero bemerkt der Analyst Mario Montagnani von der Genfer Bank Pictet, "dass sich wenige Analysten um diese Firma kümmern und das tägliche Handelsvolumen ihrer Titel äusserst beschränkt ist".

Es gibt noch weitere Vorteile, nicht an der Börse mitzumischen. Beispielsweise in Bezug auf die geringeren Ansprüche bei der Verwaltung einer Firma. "Ein nicht börsenkotiertes Unternehmen muss zudem weniger transparent sein, was wiederum Wettbewerbs-Vorteile bringen kann", erklärt Pusterla.

Im Übrigen muss sowieso daran erinnert werden, dass die Börse kein Spiegel der Schweizer Wirtschaft ist. Von 170'000 in der Schweiz registrierten Aktiengesellschaften sind nur 300 an den Börsen Virt-X und SWX Swiss Exchange kotiert.

swissinfo, Andrea Tognina

In Kürze

Nach der Börsen-Euphorie der 90-er Jahre scheint die Börse bestimmte Unternehmen nicht mehr stark zu interessieren.

Als sich die Aktienmärkte auf Höhenflug befanden, war es leicht, dort Kapital zu erhalten, ohne sich bei Banken zu verschulden.

Inzwischen hat sich das Blatt gewendet.

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