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Bio-Landbau stösst an seine Grenzen

Weltweit werden 1,5% der landwirtschaftlichen Nutzfläche ökologisch bewirtschaftet, wobei 16 Länder einen Anteil von 10% oder mehr an ökologischer Nutzfläche aufweisen. Keystone / Z1003/_jens Büttner

Noch immer gilt die ökologische Landwirtschaft als grüne und nachhaltige Lösung. Doch Erfahrungen in Sri Lanka und der Schweiz zeigen, dass die Realität viel komplexer ist.

Dieser Inhalt wurde am 17. April 2022 - 10:00 publiziert

Im Dezember 2019 stellte der neue Präsident von Sri Lanka, Gotabaya Rajapaksa, seine Vision für den Inselstaat in einer grossen nationalen Strategie vor. Er sprach von Wohlstand und prächtiger Zukunft.

Zu seinen ehrgeizigen Versprechen gehörte auch die Förderung der ökologischen Landwirtschaft und eine "Revolution im Einsatz von Düngemitteln". Er kündigte an, Bäuer:innen mit kostenlosem organischem Dünger zu beliefern.

Im April 2021 erklärte Rajapaksa, dass im Mai ein Einfuhrverbot für chemische Düngemittel und Chemikalien, einschliesslich Pestiziden und Herbiziden, verhängt werde. Ziel sei es, die Gesundheitskosten, die durch übermässigen Chemie-Einsatz verursacht würden, einzudämmen.

Analyst:innen vermuten aber, dass der wahre Grund der Mangel an Devisen war: Die Covid-19-Pandemie hatte die Tourismusindustrie des Landes verwüstet und Überweisungen aus Übersee blieben aus, so dass Sri Lanka Schwierigkeiten hatte, importierte Waren zu bezahlen.

Statistiken der Zentralbank zeigen, dass das Land 2020 allein 259 Millionen Dollar für ausländische Düngemittel ausgab, was rund 1,6 Prozent der Gesamtimporte entspricht.

Die Entscheidung, welche zu Beginn der Reispflanzsaison bekannt gegeben wurde, versetzte das ländliche Sri Lanka in Aufruhr. Tausende von Landwirt:innen gingen aus Protest auf die Strasse und beschwerten sich: Ihnen bliebe nicht genügend Zeit für die Vorbereitung, ausserdem müssten sie nun selbst organischen Dünger herstellen.

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Das Verbot bedrohte die wichtigsten landwirtschaftlichen Kulturen Sri Lankas. Gemäss einer Umfrage der Denkfabrik Verité Research vom Juli 2021 verwendeten rund 94% der Reisbäuer:innen und 89% der Tee- und Kautschukproduzenten synthetische Düngemittel.

Der Widerstand und die Sorge, dass die Lebensmittelpreise in die Höhe schnellen könnten, zwangen die Regierung schliesslich zu einer Kehrtwende. Im November, nur sieben Monate nach der Einführung, wurde das Verbot aufgehoben.

Dennoch bestand der Präsident weiterhin darauf, seine grüne Revolution in der Landwirtschaft durchzusetzen. Er machte die "Chemiedünger-Mafia", unzureichend ausgebildete Landwirt:innen und faule Beamt:innen für das Problem verantwortlich.

Auf dem falschen Fuss erwischt

Es ist schwierig, die Auswirkungen des kurzzeitigen Verbots auf die Produktivität vollständig zu quantifizieren, da viele Landwirt:innen immer noch ihre Vorräte an importiertem chemischen Dünger aufbrauchen.

Dennoch sanken die durchschnittlichen Reiserträge in der Anbausaison von Mai bis August 2021 auf 4,307 Kilogramm pro Hektar gegenüber 4,552 im Jahr 2020, ein Rückgang, den einige Analyst:innen darauf zurückführen, dass die Landwirt:innen ihre Düngemittelvorräte rationiert haben, um sie länger nutzen zu können.

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Die katastrophale Agrarpolitik von Präsident Rajapaksa scheiterte vor allem an der mangelhaften Umsetzung und dem Fehlen einer angemessenen Übergangszeit. Die Umfrage von Verité Research ergab, dass fast zwei Drittel der befragten Landwirt:innen die Vision der Regierung für den ökologischen Landbau unterstützten. Doch rund 80 Prozent der Befürworter:innen sagten, dass eine solche Umstellung Jahre dauern würde.

"Der Biolandbau hat bei vielen sri-lankischen Bäuer:innen einen schlechten Ruf", sagt Christoph Studer, Agronom und Professor an der Berner Fachhochschule BFH-HAFL. "Die Behörden in Sri Lanka verwenden den Begriff Bio nicht mehr. Sie bevorzugen die Bezeichnung umweltfreundlich."

Die Entscheidung, von heute auf morgen auf Bio umzustellen, sei nicht gut durchdacht gewesen und habe die Bauern auf dem falschen Fuss erwischt. "Sie waren schlicht nicht fähig, sich so schnell anzupassen," sagt Studer, der auch Berater des sri-lankischen Agrarunternehmens Baurs ist, das vor fast 125 Jahren von dem Schweizer Emigranten Alfred Baur gegründet worden war.

Das Unternehmen ist der grösste Importeur von chemischen Düngemitteln in Sri Lanka. Wie andere Firmen muss es sich der neuen Agrarpolitik anpassen und die Produktion von organischem Dünger vorantreiben.

"Während der letzten 60 Jahren war das Land auf eine hohe landwirtschaftliche Produktivität ausgerichtet. Zugleich weiss man auch, dass das Ackerland auf Sri Lanka nicht ausreicht, um die Bevölkerung zu ernähren", sagt er. "Deshalb fehlt es auf der Insel schlicht an Wissen und Erfahrung, um Landwirt:innen beizubringen, wie sie biologischer arbeiten können."

Verschiedene private und öffentliche Einrichtungen haben mit der Kompostherstellung begonnen, benötigen aber entsprechendes Fachwissen, um qualitativ hochwertigen Kompost zu erhalten. Christoph Studer

Pionier:innen haben es schwer  

Viele Staaten fördern den ökologischen Landbau. Zum Beispiel die EU: Die Strategie zur Erhaltung der biologischen Vielfalt ("Farm to Fork") verpflichtet die Mitgliedstaaten, den Einsatz von chemischen Düngemitteln um 20% zu reduzieren. Zudem soll mindestens ein Viertel der landwirtschaftlichen Nutzfläche für den ökologischen Landbau reserviert werden.

Nur vereinzelte Staaten haben eine formelle Politik, um ihren heimischen Agrarsektor zu 100% ökologisch zu gestalten, und von diesen hat noch keiner die Umstellung erfolgreich vollzogen.

2008 verpflichtete sich das kleine asiatische Königreich Bhutan, bis 2020 vollständig auf ökologischen Landbau umzustellen, aber nur 10% seiner pflanzlichen Produktion und 1% seiner Ackerfläche wurden bis zum Stichtag als solche zertifiziert. Dieser wurde nun auf 2035 verschoben.

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In der Schweiz sind laut Bundesamt für Statistik bereits 15% der Landwirt:innen auf biologischen Anbau umgestiegen und verwenden keine chemischen Pestizide mehr. Der Agrarsektor hat sich jedoch gegen einen ehrgeizigeren Sprung nach vorn gewehrt.

Letztes Jahr wurden zwei umstrittene Vorschläge einer landesweiten Abstimmung unterzogen: Zum einen die "Trinkwasser"-Initiative, welche die Streichung von Subventionen für Landwirte, die Pestizide verwenden, vorsah, und die Initiative "Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide', die ein vollständiges Verbot synthetischer Pestizide anstrebte.

Beide wurden mit rund 60 % Nein-Stimmen abgelehnt. Hätten sie Erfolg gehabt, wäre die Schweiz zum Pionier des ökologischen Landbaus geworden, da sie als erstes europäisches Land synthetische Unkrautvernichter und Fungizide verboten hätte.

Evolution statt Revolution  

Laut Edward Mitchell, Bodenbiologe an der Universität Neuenburg und einer der Organisator:innen der Anti-Pestizid-Initiative, haben die Aktivist:innen den Widerstand der Landwirt:innen unterschätzt. "Sie hätten mehr tun müssen, um sie ins Boot zu holen", sagt Mitchell.

Abstimmungskampagne: Ein Schild auf einem Bauernhof, forderte 2021 die Stimmbürger:innen dazu auf, die Schweizer Pestizidverbotsinitiative abzulehnen. Keystone / Urs Flueeler

Die Landwirt:innen, die nur 5 % der Schweizer Bevölkerung ausmachen, wehrten sich lautstark gegen die Initiative, und der Schweizerische Bauernverband behauptete, dass die landwirtschaftliche Produktion um 20-40% zurückgehen würde, wenn Pestizide verboten würden. Auch die Regierung lehnte beide Initiativen ab. Für Wirtschaftsminister Guy Parmelin waren sie zu "revolutionär".

Wäre ein Verbot von Agrochemikalien nach dem Vorbild Sri Lankas in der Schweiz möglich? "Nein", sagt Mitchell. "Sri Lanka ist ein seltener Fall, weil die Regierungen in der Regel enge Beziehungen zur Industrie haben", sagt er.

"Von der Schweizer Regierung können wir aus politischen und philosophischen Gründen, aber auch wegen des Einflusses von Lobbys und Sonderinteressen nicht auf ein solches Vorgehen hoffen."  

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Mitchell behauptet, dass die Agrarindustrie Millionen von Schweizer Franken für die Unterstützung der Gegner der Initiativen ausgegeben habe. Obwohl die Schweiz ein viel kleinerer Markt ist als Deutschland, Frankreich oder Italien, gibt sie viel Geld für Agrochemikalien aus.

Eine Studie von 2019 zeigt, dass die Verkaufspreise für Düngemittel 20% höher waren als in den Nachbarländern, während Herbizide und Insektizide mit Aufschlägen von 63-68% verkauft wurden.  

Das Ertragsproblem

Der Widerstand der Landwirt:innen und der Agrochemieindustrie ist nicht die einzige Hürde, mit der Befürworter:innen des ökologischen Landbaus zu kämpfen haben. Auch die geringeren Erträge stellen eine grosse Herausforderung dar.

Laut Adrian Müller vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) liegen die Durchschnittserträge im Biolandbau rund 20% unter denen der konventionellen Landwirtschaft.

Bei Kulturen wie Wurzeln, Knollen und Getreide betrage der Unterschied über 20%, bei Obst, Ölsaaten, Hülsenfrüchten und Gemüse sei er noch höher, sagt er.

Müller und andere Expert:innen, darunter auch Agronom Christoph Studer, betonen aber, dass es Möglichkeiten gibt, dieses Problem mit Hilfe der Agrarökologie, der Entwicklung von ertragreichen Sorten speziell für den Biolandbau und der Bereitstellung von Schulungen und Anreizen für Landwirt:innen zu lösen.  

Eine kleinstrukturierte Landwirtschaft mit einer hohen Vielfalt an angebauten Kulturen bietet eine gute Grundlage für den Übergang zu einer stärker agrarökologischen Landwirtschaft. Christoph Studer

Derzeit müssen Biobauern und -bäuerinnen Pflanzensorten verwenden, die für konventionelle Anbaumethoden entwickelt wurden, was sie in Bezug auf den Ertrag unmittelbar benachteiligt, sagt Müller.

Die Länder müssen ausserdem ein gutes Informations- und Schulungsprogramm für Bäuerinnen und Bauern entwickeln, geeignete Subventionen anbieten, in die Züchtung ertragreicher ökologischer Sorten investieren und genügend organischen Dünger beschaffen, ergänzt er. Die langfristigen Vorteile seien die anfänglichen Kosten wert.

"Konventionell angebaute Lebensmittel sind zu günstig, weil die externen Kosten wie die Umweltbelastung höher sind", sagt er. "Sie werden aber nicht an der Supermarktkasse bezahlt, sondern von der Gesellschaft als Ganzes".

Studer sagt, die Umstellung auf den ökologischen Landbau müsse schrittweise erfolgen und könne zunächst durch den Übergang zu einer nachhaltigeren Landwirtschaft auf der Grundlage der Agrarökologie geschehen.

Dazu gehören Praktiken wie die verstärkte Verwendung von Kompost und die Vermeidung der Auslaugung von Bodennährstoffen durch Methoden wie Fruchtfolge und Zwischenfruchtanbau mit stickstoffbindenden Leguminosen.  

In Sri Lankan rubber plantations the use of nitrogen-fixing legume plants is already quite widespread. Christoph Studer

Dieser Umstellungsprozess könnte Jahre dauern. Aber für Staaten wie Sri Lanka, die bereits einige dieser Praktiken eingeführt hat, könnte das ein möglicher Weg in die Zukunft sein, sagt er.

"Es hat ein paar Jahrzehnte gedauert, bis die konventionelle Landwirtschaft in Sri Lanka Fuss gefasst hat", sagt Studers Kollege Gurbir Singh. "Die ökologische Landwirtschaft verlangt noch mehr und erfordert mehr Wissen, daher braucht sie mehr Zeit, um sich durchzusetzen."

Nachhaltige Landwirtschaft

Der Trend zu einer nachhaltigeren Landwirtschaft hat Agrochemie-Giganten wie Syngenta dazu gezwungen, umweltfreundlichere Pestizide und Düngemitteln zu entwickeln, die auf biologischen Produkten basieren.

"Wir wollen, dass alle Landwirt:innen nachhaltig wirtschaften, unabhängig von den Methoden, die sie anwenden", sagt Petra Laux, Leiterin des Bereichs Nachhaltigkeit im Unternehmen.

Syngenta arbeite daran, die negativen Auswirkungen von Agrochemikalien auf Menschen und Umwelt zu begrenzen, indem "die Produktsicherheit durch Tests und eine bessere Ausrichtung auf bestimmte Schädlinge verbessert werde", sagt Laux. "Syngenta bietet auch Schulungen und digitale Hilfsmittel wie die präzise Anwendung von Pestiziden an."

Das grüne Portfolio des Unternehmens umfasst Mittel, die zur Bekämpfung von Pilz- und Bakterienkrankheiten, Schädlingen, Nematoden und Unkräutern eingesetzt werden, sowie Biostimulanzien, die auf Pflanzen, Saatgut oder Wurzeln aufgebracht werden, um die Effizienz der Nährstoffaufnahme, die Pflanzenqualität oder die Toleranz gegenüber extremen Temperaturen zu verbessern.

Die jüngste Innovation, die derzeit in China erprobt wird, ist ein biologisches Produkt, das die Auslaugung verringert und damit den Düngerbedarf senkt.

Für Syngenta ist dies derzeit ein Nischenmarkt, der weniger als 0,5 Prozent des Gesamtumsatzes ausmacht, weil nur "wenige wirksame Lösungen auf natürlicher Basis existieren", sagt Laux. Sie sei aber optimistisch, dass der Markt wachsen kann, doch nur, wenn die Landwirt:innen von den Vorteilen überzeugt werden können und die Akzeptanz für solche Produkte steigt.

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Der ehemalige Syngenta-Mitarbeiter Shachi Gurumayum, der heute für ein US-Unternehmen in der Schweiz arbeitet, ist der Meinung, dass angesichts der risikoscheuen Mentalität der Landwirt:innen eine nachhaltige und rentable Landwirtschaft bessere Chancen hat, sich durchzusetzen, als der biologische Landbau.  

"Wir müssen uns fragen, wie wir es schaffen, ein Modell der Landwirtschaft aufzubauen, dass zwar sicherere Produkte verwendet, aber zugleich auch die Produktivität aufrechterhält", sagt Gurumayum.  

Theoretisch ist es also für einen Staat möglich, hundert Prozent ökologisch zu wirtschaften. Doch dies würde hohe Investitionen in Bereichen erfordern, welche über die Landwirtschaft hinausgehen.

Zum Beispiel Bodenfruchtbarkeit, Grundwasserqualität oder biologische Vielfalt. Ausserdem müssten sich die Verbraucher:innen dazu verpflichten, mehr als nur einen kleinen Aufpreis für ökologische Lebensmittel zu zahlen.  

"Es ist möglich, die Welt mit ökologischer Landwirtschaft zu ernähren, aber unsere Gewohnheiten müssen sich ändern. Wir müssen weniger Fleisch essen und weniger Lebensmittel verschwenden", sagt Christoph Studer.

(übertragen aus dem Englischen von Christoph Kummer)

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