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Augusto, der General, und seine Schweizer Amigos

General Augusto Pinochet mit seiner Entourage im September 1973. Keystone / Alberto Bravo

Die offizielle Schweiz war erleichtert, als in Chile General Augusto Pinochet am 11. September vor 30 Jahren die Macht an sich riss.

Dieser Inhalt wurde am 10. September 2003 - 11:58 publiziert

Das linksdemokratische Experiment Salvador Allendes, dem Pinochet mit seinem blutigen Staatsstreich ein Ende gesetzt hatte, war Bern stets suspekt gewesen. Ein Blick zurück.

Dass mit Pinochet ein übles Gewaltregime die Macht ergriffen hatte, war schnell zu erkennen.

In den Tagen nach dem 11. September herrschte nachts Ausgangssperre. Immer wieder unterbrachen Schüsse und Granatexplosionen die nächtliche Stille. In Armenvierteln, die sich mit Allendes Volksfront-Regierung identifiziert hatten, veranstalteten die Militärs ihre "Säuberungen". Nicht selten mit ihren Schweizer Sturmgewehren.

Zwar bestritt das Regime aussergesetzliche Handlungen energisch, doch im Sprachrohr der Rechten, der Zeitung "El Mercurio", stand auch zu lesen, das Personal der Leichenschauhäuser müsse Sonderschichten einlegen und sei deswegen ungehalten.

Und in der Fussballarena von Santiago, im Nationalstadion, hatten die Uniformierten bereits die ersten paar tausend politischen Gefangenen zusammen getrieben – die meisten waren Aktivisten, Funktionäre oder prominente Anhänger der gestürzten Linksregierung. Von vielen, die zuletzt dort gesehen wurden, fehlt bis heute jede Spur.

Pinochet-Regime von der Schweiz rasch anerkannt

Gleichwohl war die Schweiz das fünftschnellste Land der Welt, welches das Pinochet-Regime anerkannte. Wie immer unterstrich Bern, die Schweiz unterhalte Beziehungen mit Staaten, nicht mit Regierungen.

Aber zwischen den Zeilen der Note war auch herauszulesen, wie froh die Eidgenossen waren über den Sturz des linken Allende.

Allendes Volksfront-Regierung hatte mit der Sudameris-Bank ein Institut verstaatlicht, an dem die Schweizerische Bankgesellschaft (heute UBS) zu zwölf Prozent beteiligt war. Daher und von den Zahlungsrückständen des sozialistischen Chiles gegenüber schweizerischen Kreditgebern rührte die Verstimmung.

Schweizer Wirtschaft mit dabei

Ungeachtet der Menschenrechts-Verletzungen normalisierten sich die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Pinochets Chile und der Schweiz ungeachtet schnell. Nestlé und Holderbank bauten ihre Positionen als Branchenleader aus – der Markt für Speiseeis und Zement war fest in ihrer Hand.

Später stieg Stephan Schmidheiny in die Forstwirtschaft ein und kaufte Anteile der CAP, des von Pinochet entstaatlichen Stahlmonopolisten.

Botschafter mit harter Hand...

Zu reden gab der Botschafter, der die Schweiz zum Zeitpunkt des Pinochet-Putsches und kurz danach vertrat. Während die Greifkommandos des DINA-Geheimdienstes Jagd auf Linke machten, retteten sich viele Verfolgte mit kühnen Sprüngen über die Zäune der Botschaftsresidenzen in Santiago.

Die Vertretungen der Benelux-Staaten und jene Skandinaviens lebten mit mehr oder weniger offenen Türen. Berns Chile-Botschafter Masset war vom Militärregime so angetan, dass er während einer Cocktailparty einen Schutz suchenden Chilenen vor versammeltem Publikum am Kragen packte und der vor der Tür stehenden Polizei ablieferte.

Dass er einen Verfolgten ins Messer laufen liess, war nun aber selbst dem Aussenministerium zu viel: Der Diplomat wurde abgezogen und durch Max Casanova ersetzt.

...ersetzt durch Kämpfer für Verfolgte

Casanova war ein Diplomat, der sich sehr entschlossen für die Verfolgten einsetzte und grossen Respekt erwarb.

Unter anderem hatte er in einem Gefängnis in Concepcion den wegen politischer Vergehen verurteilten Soziologiestudenten Jaime Oehinger ausfindig gemacht. Eines Tages standen IKRK-Delegierte in seiner Zelle und eröffneten dem Gefolterten, dass er chilenisch-schweizerischer Doppelbürger sei. 24 Stunden später sass er im Flugzeug, unterwegs Richtung Schweiz.

Bis Pinochet und sein Regime auch in der offiziellen Schweiz zum Kreis der Geächteten gehörten, ging ziemlich viel Zeit ins Land: Als in den 80er Jahren der Schweizer Vertreter in Chile sein Lobeslied auf die radikale wirtschaftliche Öffnung Chiles sang und während der Botschafterkonferenz meinte, Pinochet habe auch seine guten Seiten, ordnete der damalige sozialdemokratische Aussenminister René Felber dessen Strafversetzung in ein Ostblockland an.

Schweizer Rüstungsindustrie bedeutend – trotz Exportverbot

Besonders starke Bindungen zu Chile pflegte, schon seit den 60er Jahren, die Schweizer Rüstungsindustrie. Die Uniformierten kannten sich mit Radpanzern der Firma Mowag aus, mit Zwillingskanonen aus Oerlikon und mit den Feuerwaffen SIG.

Die Waffenverkäufe nach Chile erreichten zwischen 1968 und 1973 die Höhe von 27 Mio. Franken. "Überhänge" bzw. offene Rechnungen beglich die Pinochet-Diktatur alsbald, und sie wollte gleich auch 25 zusätzliche Radpanzer. Der Bundesrat verbot den Export.

Aber die Kreuzlinger umgingen das Verdikt, indem sie der Waffenschmiede des chilenischen Heeres (Famae) die Konstruktionspläne lieferten und einen Lizenzvertrag abschlossen. Gegen die Handelsfreiheit erwies sich auch das Waffenausfuhrgesetz wirkungslos.

Der Dreh hatte den gar nicht so unangenehmen Nebeneffekt, dass Mowag problematischen Drittkunden nun eine chilenische Adresse empfehlen konnte. Und dass das Kreuzlinger Produkt in Südamerika fortan bequem und ohne Einhaltung schweizerischer Waffenausfuhrbestimmungen zu haben war.

Jedenfalls sah sich der Hersteller aus dem Thurgau im Juni 1994 in einer Dankesschuld: Mowag lud Pinochet, unter dem Siegel strengster Verschwiegenheit, zum Privatbesuch in die Schweiz ein.

Als die Presse davon Wind kriegte, brandmarkte Aussenminister Flavio Cotti den chilenischen Privatgast als unerwünschten Besucher. 21 Jahre nach dem blutigen Putsch hatte auch die offizielle Schweiz ihre Gelegenheit bekommen, Pinochet in aller Öffentlichkeit zur Unperson zu stempeln.

Was nicht heisst, dass sich seine Schweizer Amigos von ihm abgewendet hätten: Der einzige international bekannte Pinochet Fan Club hat seinen Sitz in Zürich.

swissinfo, Ulrich Achermann

In Kürze

Die Schweiz war das fünftschnellste Land der Welt, welches das Gewaltregime General Pinochets in Chile anerkannte. Pinochet und seine Militärs hatten am 11. September mit einem blutigen Putsch die demokratisch gewählte Regierung des sozialistischen Präsidenten Allende gestürzt.

Die Schweizer Regierung war froh über den Sturz Allendes, auch wenn das nicht offiziell ausgedrückt wurde. Die Auslandschweizer Gemeinschaft in Chile, insbesondere auch die Auslandschweizerschule in Santiago, begrüsste die Machtübernahme Pinochets. Der damalige Schweizer Botschafter entpuppte sich gar als Helfershelfer des Militärregimes.

Trotz den massiven Menschenrechts-Verletzungen des Pinochet-Regimes normalisierten sich die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Chile und der Schweiz rasch. Nestlé und Holderbank bauten ihre Positionen als Branchenleader aus. Auch die Schweizer Rüstungsindustrie pflegte enge Beziehungen zum Pinochet-Regime – trotz Exportverbot.

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