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Arbeitslosigkeit steigt und steigt

Ex-press

Nur Dank dem Baugewerbe, das saisonal bedingt im März wieder zulegte, fällt der Anstieg der Arbeitslosigkeit einigermassen moderat aus. Der Seco-Experte Serge Gaillard analysiert.

Dieser Inhalt wurde am 09. April 2009 - 19:01 publiziert

Die konjunkturelle Talsohle dürfte mit der März-Arbeitslosenquote von 3,4%, die letztmals im April 2006 höher war, noch nicht durchschritten sein. Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) rechnet für dieses Jahr mit einer durchschnittlichen Arbeitslosigkeit von 3,8%. Und für das Jahr 2010 werden gar 5,2% prognostiziert.

Serge Gaillard, Leiter der Direktion für Arbeit im Seco sagte gegenüber swissinfo: "Die Arbeitslosenversicherung ist grundsätzlich für schlechte Zeiten vorbereitet. Wir geben jährlich mehr als eine halbe Milliarde Franken aus für arbeitsmarktliche Massnahmen wie Ausbildungen, Einarbeitungszuschüsse, oder Praktikumsstellen. Auch die regionalen Arbeitsvermittlungsstellen haben zusätzliches Personal eingestellt."

Auch die Arbeitslosenkassen seien auf steigende Arbeitslosenzahlen vorbereitet, meint Gaillard. "Wir haben aber das Problem, dass wir im letzten Konjunkturaufschwung die Schulden nicht zurückbezahlt haben. Wenn also die Arbeitslosigkeit weiter steigt, und damit rechnen wir, werden wir am Ende dieser Rezession einen sehr, sehr hohen Schuldenberg haben."

Kurzfristige Massnahmen?

Gaillard findet es falsch, die Beiträge der Arbeitslosenversicherung in den jetzigen schlechten Zeiten zu erhöhen oder Leistungen zu kürzen. "Jetzt brauchen wir die Arbeitslosenversicherung. Aber wir müssen das Gesetz jetzt schon revidieren, damit im nächsten Aufschwung dank etwas mehr Beiträgen und etwas geringeren Leistungen die Schulden zurückzahlen können."

Als Reaktion auf die steigenden Arbeitslosenzahlen fordert die Gewerkschaft Unia, dass Topverdiener und Bonibezüger mehr Beiträge an die Arbeitslosenversicherung leisten sollten, denn ihre Beiträge zahlen sie nur für die ersten 120'000 Franken Einkommen.

Dieses Problem habe auch die Landesregierung wahrgenommen, sagt Gaillard. "Der Bundesrat hat als Sanierungsmassnahme vorgeschlagen, dass auf den oberen Lohnbestandteilen ein Solidaritätsprozent erhoben wird." Es sei aber die Aufgabe des Parlaments, darüber zu befinden.

Schuldenlimitierung?

Das aktuelle Gesetz verlangt vom Bundesrat, sofort zu handeln, wenn die Schuldengrenze der Arbeitslosenversicherung, die aktuell 6,4 Mrd. Franken beträgt, überstiegen wird.

"Ende 2008 beliefen sich die Schulden der Arbeitslosenversicherung auf 4,1 Mrd. Franken. Wir erwarten, dass sie im Verlauf dieser Rezession auf deutlich über 10 Mrd. ansteigen werden", sagt Gaillard." Wir müssen deshalb für das Jahr 2011 mit höheren Beiträgen rechnen."

Leistungsdauer ausweiten?

Gewerkschaften fordern, dass angesichts der schlechten Konjunkturaussichten die Leistungen der Arbeitslosenversicherung erhöht werden sollten. Serge Gaillard findet, dass sich die Ausrichtung von heute 70 bis 80% des Lohnausfalls auch international sehen lassen könne.

"Wir haben heute die Möglichkeit, innerhalb von 2 Jahren bis zu eineinhalb Jahre lang Leistung zu beziehen", sagt der Arbeitsmarktexperte. "Meistens sind Erwerbslose nicht eineinhalb Jahre am Stück erwerbslos. Sie haben auch Zwischenverdienste. Dadurch können sie ihre Bezugsdauer auf bis zu zwei Jahre verlängern."

Erfolgsverprechende Kurzarbeit

Die Kurzarbeit hat in der letzten Zeit stark zugenommen. Im Januar (neuere Zahlen sind noch nicht offiziell verfügbar) waren 844 Betriebe betroffen. Im Dezember 2008 waren es lediglich deren 315.

Serge Gaillard sieht diese Entwicklung positiv: "Die Zunahme der Kurzarbeit widerspiegelt zwar den kräftigen Einbruch, der Bestellungseingänge in der Exportindustrie."

Diese greife aber auf Kurzarbeit zurück, um nicht Mitarbeitende entlassen zu müssen. "Auf diese Art können die Firmen ihre personellen Ressourcen, die Menschen, die bei ihnen arbeiten, behalten."

Die Betriebe seien für bessere Zeiten vorbereitet und die Menschen könnten angestellt bleiben. "Kurzarbeit ist häufig im Interesse der Unternehmung, der Beschäftigten und der öffentlichen Hand", findet Gaillard.

swissinfo, Etienne Strebel

Jean-Pierre Danthine, designiertes Mitglied des Direktoriums der Schweizerischen Nationalbank (SNB), ist überzeugt, dass das Schlimmste der gegenwärtigen Krise Anfang 2010 überstanden sein wird.

"Wir dürften dann mit Ausnahme der Arbeitslosigkeit den Talboden erreicht haben".

Die Krise habe alle Finanzmarkttheorien über den Haufen geworfen, sagte der Wirtschaftswissenschaftler. "Die Modelle, mit welchen ich arbeite, können die Krise, die wir erlebt haben, nicht erklären." Es drängten sich daher grundlegende Änderungen der Denkschemen auf.

Zur Diskussion um die Boni der Bankmanager meinte er, dass die Höhe der Vergütungen durchaus eine Rolle in der Krise spielten. Dennoch dürften diese auch nicht überbewertet werden. "Es handelt sich weniger um ein Problem für die Zentralbanken, denn um eines der Unternehmensführung", so Danthine.

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