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Als nicht die Welt, aber immerhin die Swissair stillstand

Keystone

Am 2. Oktober 2001 blieben alle Flugzeuge des fliegenden Nationalstolzes am Boden. Die Bilder gingen um die Welt. Die Schweiz reagierte gedemütigt und geschockt.

Dieser Inhalt wurde am 02. Oktober 2006 - 08:04 publiziert

Fünf Jahre später fliegt die Swiss unter den Flügeln der deutschen Lufthansa, hat aber immer noch nicht alle Probleme gelöst. Die Schweiz reagiert gelassen.

"Ein nationaler Mythos am Boden", "Nichts ist mehr, wie es war", "Schwarzer Dienstag": Die Medien beschrieben das Grounding als Albtraum, als "nationalen Super-GAU" und damit als das "definitive Ende des Sonderfalls Schweiz".

Die Volksseele war aufgewühlt. "Die Leute haben unsere Swissair ganz einfach geliebt und waren entsprechend sehr traurig", fasst der damalige Personalchef Matthias Mölleney gegenüber swissinfo die Stimmung zusammen.

71 Jahre lang flogen die Maschinen als Botschafterinnen der Schweiz in die weite Welt. Nun lagen sie dort, wo in der Heimat der Stolz war, am Boden. Die Swissair – lange als beste Airline der Welt bewertet - war abgebrannt, die Kerosin-Tanks leer.

Passagiere und ganze Crews sassen fest. Tickets waren Makulatur. Mehrere Grossdemonstrationen machten die Grossbank UBS zum Sündenbock.

Sturzflug war absehbar

Die UBS hätte mit einer Finanzspritze die Gesellschaft noch retten können, kritisierten auch die Swissair-Spitze und Landesregierung.

Doch das Debakel hatte sich spätestens im Frühjahr 2001 angekündet. Damals hatte die UBS-Spitze der Swissair-Führungsriege Schönfärberei über den wirklichen Zustand vorgeworfen und erklärt, das Unternehmen sei betriebswirtschaftlich betrachtet bis zu drei Mrd. Franken überschuldet.

Die Lage hatte sich nach den Anschlägen vom 11.September 2001 noch weiter zugespitzt. "Es war von Anfang an klar, dass für die alte Swissair jede Hilfe zu spät kommt", erklärte UBS Verwaltungsratspräsident Marcel Ospel wenige Tage nach dem Grounding.

Mit der Hunter-Strategie in den Sinkflug

Der Abstieg des Nationalstolzes begann Ende der 1980er Jahre. Mit dem Wegfall der Preisabsprachen und dem Anstieg der Kerosinpreise wurde der Konkurrenzdruck immer grösser.

1992 sagte die Schweiz Nein zum Europäischen Wirtschaftsraum (EWR). Die Swissair musste deshalb Nachteile gegenüber Konkurrenten aus EWR-Ländern in Kauf nehmen. So konnte sie keine Strecken zwischen EWR-Ländern mehr anbieten.

In der Folge versuchte sie mit Fusionen, Allianzen und Übernahmen erfolglos ihr Glück. 1993 scheiterte das Alcázar-Projekt, eine Fusion mit KLM, SAS und Austrian Airlines.

Ab 1994 verfolgte die Swissair ihre Hunter-Strategie, beteiligte sich an maroden Fluggesellschaften (Sabena, Air Portugal, Turkish Airlines, AOM, Air Littoral) und scheiterte damit definitiv.

Swiss: Trotz staatlicher Hilfe gescheitert

Nach dem Zusammenbruch musste die öffentliche Hand den Steuerknüppel übernehmen. Mit ungewöhnlichem Tempo wurde die Nachfolge-Gesellschaft Swiss aus dem Boden gestampft. Der Bund und die Kantone beteiligten sich mit mehr als 2 Mrd. Franken an der neuen Airline.

Die Linke argumentierte mit den gefährdeten Arbeitsplätzen für die A fonds perdu-Beträge, die Bürgerlichen sahen den Wirtschaftsstandort Schweiz ohne nationale Fluggesellschaft in Frage gestellt. Einzig die rechtskonservative Volkspartei war dagegen.

Swiss startete an Ostern 2002 und schaffte es trotz massiver Starthilfe, verschiedenen Restrukturierungs-Massnahmen und Neupositionierungen nicht auf die erforderliche Flughöhe. Die Gesellschaft bemühte sich erfolglos um eine Aufnahme in eine der grossen Allianzen. Die Milliarden schmolzen wie der Schnee an der Frühlingssonne.

Flucht unter die Flügel des Kranichs

Im März 2005 einigte sich die Lufthansa mit den Grossaktionären der Swiss auf eine schrittweise Übernahme. Lufthansa hält bislang 49% am Swiss-Aktienkapital.

Die komplette Übernahme soll zu Beginn des nächsten Jahres vollzogen werden. Bedingung ist gemäss Swiss-Sprecher Jürg Dinner, dass es Swiss gelingt, die ausstehenden Verkehrsrechte für Russland, Indien, China und Japan zu sichern.

Dass die Swiss auch andere Probleme noch nicht gelöst hat, zeigte der Streik der ehemaligen Crossair-Piloten wegen Lohnunterschieden vor einer Woche. Ein Teil der Europaflotte blieb einen Tag lang am Boden. 142 Europa-Flüge mussten annulliert werden.

Die schweizerische Öffentlichkeit reagierte gelassen auf das Mini-Grounding. Matthias Mölleney erklärt das mit dem verlorenen Glorienschein. "Die Leute betrachten Swiss mehr oder weniger als eine gewöhnliche Firma. Und es gibt ja eine ganze Anzahl grosser Firmen im Land."

swissinfo, Andreas Keiser

Swiss in Zahlen

Die Zahl der Destinationen sank seit der Gründung um 48% auf 69.

Die Flotte wurde um 49% auf 67 Flugzeuge reduziert.

Im März 2005 zahlte Lufthansa für 49% der Swiss-Aktien 70 Mio. Fr.

Je nach Entwicklung erhalten die Swiss-Aktionäre 2008 einen zusätzlichen Betrag von höchstens 390 Mio. Fr.

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Swiss 2006

Im 1. Halbjahr 2006 hat Swiss erstmals einen Gewinn (76 Mio. Fr.) ausgewiesen.

In der Vorjahresperiode betrug der Verlust 89 Mio.

Der Betriebsgewinn (EBIT) betrug 98 Mio. (Vorjahr 9 Mio.).

Mit 72 Mio. stammte der Grossteil des Gewinnes aus dem 2. Quartal.

Beschäftigte 1. Halbjahr 2006: 5715 (16,4% weniger als Vorjahr).

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Juristische Aufarbeitung

Der Zusammenbruch der Swissair hat juristische Konsequenzen.

Am 16. Januar 2007 beginnt am Bezirksgericht Bülach ein erstes Strafverfahren.

19 Angeklagte werden vor Gericht stehen.

Unter ihnen die drei letzten Konzernchefs der Swissair, zwei Finanzchefs und die Mitglieder des Verwaltungsrats.

Die Anklagepunkte reichen von ungetreuer Geschäftsbesorgung, Misswirtschaft und Gläubigerschädigung bis zur Urkundenfälschung.

Die Staatsanwaltschaft bereitet zudem ein 2. Verfahren vor, bei dem die Anklageerhebung für 2007 angekündigt ist.

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