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Akuter Mangel an Arbeitskräften bei Schweizer Unternehmen

Mit mehr als 100'000 offenen Stellen im ersten Quartal 2022 erreicht der Arbeitskräftemangel in der Schweiz einen Rekordwert. Keystone / Anthony Anex

Mit über 100'000 offenen Stellen im ersten Quartal 2022 ist der Arbeitskräftemangel in der Schweiz rekordverdächtig. Dieser Mangel könnte sich noch weiter verschärfen und den Wohlstand des Landes gefährden. Was kann dagegen unternommen werden?

Dieser Inhalt wurde am 08. Juni 2022 - 09:30 publiziert

Welche Wirtschaftszweige sind am stärksten betroffen?

Laut den neusten Daten, die das Bundesamt für Statistik (BFS) Ende Mai veröffentlichteExterner Link, sind sowohl der sekundäre als auch der tertiäre Sektor von Rekrutierungsschwierigkeiten betroffen, also Industrie und Dienstleistungen.

Besonders angespannt ist die Lage im Gastgewerbe und im Hightech-Sektor. Mangel herrscht aber auch in der Pflege, im Transportwesen, im Baugewerbe, in der Logistik oder auf dem Bau. Selbst Lastwagenfahrende sind mittlerweile gefragte Profile.

"Die Pandemie hat die Digitalisierung der Wirtschaft und die Entwicklung zahlreicher Logistikketten beschleunigt. Alle Wirtschaftssektoren stehen nun im Wettbewerb um die gleiche Art von Fähigkeiten. Wenn Sie Informatikerin oder Auslieferungsfahrer sind, haben Sie bei der Stellensuche die Qual der Wahl", sagt Stefan Studer, Direktor des Verbands Angestellte SchweizExterner Link.

In der Schweiz werden vor allem Stellen gesucht, die ein hohes Qualifikationsniveau erfordern. Das stellt die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in ihrem Monitoring, das rund 40 Länder umfasstExterner Link, wenig überraschend fest.

"Es fehlen vor allem Kompetenzen, die mit Berufen im Gesundheitswesen, in den digitalen Technologien und der wissenschaftlichen Forschung verbunden sind. Dagegen herrscht kein struktureller Mangel an Kompetenzen, die mit Bildung und Unterricht zu tun haben, sowie an Kompetenzen, die in körperlichen und handwerklichen Berufen gefragt sind", sagt Glenda Quintini, Leiterin des Bereichs Beschäftigungsfähigkeit und Kompetenzen bei der OECD.

Ist die Schweiz ein Sonderfall?

Nein, alle entwickelten Volkswirtschaften stehen heute vor der gleichen Herausforderung. In Deutschland (über zwei Millionen offene Stellen) und Frankreich (eine Million offene Stellen) herrscht ein Rekordmangel an Arbeitskräften. In Italien fehlen allein im Bausektor fast 260'000 Personen, die zupacken können.

In Grossbritannien haben die Unternehmen trotz der gegenüber anderen Ländern niedrigsten Beschäftigungszahlen wegen des Brexit Schwierigkeiten, qualifiziertes Personal zu rekrutieren. Mindestens eine halbe Million Menschen sollen sich aufgrund der schlechten Arbeitsbedingungen und der niedrigen Löhne vom Arbeitsmarkt zurückgezogen haben.

Dieses Phänomen der sogenannten "grossen Kündigung" sorgt vor allem in den angelsächsischen Ländern für Schlagzeilen. In den USA, wo mehr als 11 Millionen Arbeitsplätze offen sind, haben im März mehr als 4,5 Millionen Amerikanerinnen und Amerikaner ihre bisherige Arbeit auf der Suche nach neuen beruflichen Möglichkeiten aufgegeben.

Ist der Mangel an Arbeitskräften vorübergehend oder dauerhaft?

"Wir beobachten einen Aufholeffekt nach der Pandemie, mit einer steigenden Nachfrage nach Arbeitskräften in vielen Branchen. Gleichzeitig gehen geburtsstarke Jahrgänge von Babyboomern in den Ruhestand. Deshalb wird es schwierig, diese Lücke allein durch Neuzugänge auf dem Arbeitsmarkt zu schliessen", sagt Giovanni Ferro-Luzzi, Professor für Wirtschaft an der Universität und der Haute Ecole de Gestion in Genf.

Oftmals kommen konjunkturelle und strukturelle Faktoren zusammen. Im Hotel- und Gastgewerbe war es beispielsweise schon vor der Pandemie schwierig, bestimmte Lehrstellen zu besetzen. Die Gesundheitskrise wirkte jedoch wie ein Zündfunke.

"Zu den schwierigen Bedingungen im Hinblick auf die Anforderungen des Berufs kam die Unsicherheit der Arbeitsplätze wegen des Coronavirus hinzu. Viele Beschäftigte haben die Branche in den letzten zwei Jahren verlassen und werden nicht mehr zurückkehren", sagt Lucas Dubuis, Sprecher von Unia, der grössten Gewerkschaft des Landes.

Dasselbe gilt für den Pflege- und Betreuungssektor, wo die schlechten Arbeitsbedingungen während der Pandemie offen zutage getreten sind. "Die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sehen in diesen Berufen wegen Stress und niedrigen Löhnen keine langfristigen Perspektiven", sagt Dubuis.

Das Schweizerische Gesundheitsobservatorium (OBSAN) schätzt, dass mehr als 40% der Pflegefachleute den Beruf vorzeitig verlassen. Keystone / Martial Trezzini

Eine Anfang Jahr von Angestellte Schweiz veröffentlichte StudieExterner Link lässt vermuten, dass der aktuelle Mangel nur ein Vorgeschmack auf die Schwierigkeiten ist, die Schweizer Arbeitgeber in Zukunft bei der Personalrekrutierung haben werden.

In den nächsten vier Jahren werden in der Schweiz fast 365'000 qualifizierte Arbeitskräfte (mit Berufs- oder Hochschulabschluss) fehlen. Bis 2035 wird diese Zahl sogar auf 1,2 Millionen hochschnellen. Diese alarmierenden Prognosen beruhen auf einer einfachen Rechnung: der Differenz zwischen der Anzahl jener, die in den Ruhestand gehen, und der Anzahl der Neueintritte in den Arbeitsmarkt.

Was kostet dieser Mangel die Schweizer Wirtschaft?

Angestellte Schweiz hat in der erwähnten Studie errechnet, dass der Schweizer Wirtschaft allein im Jahr 2025 aufgrund des Personalmangels fast 60 Milliarden Franken verloren gehen könnten. Besonders besorgniserregend seien die Rekrutierungsschwierigkeiten in der Industrie. "Das ist eine ernsthafte Bedrohung für die Innovationsfähigkeit unseres Landes", sagt Studer.

Die Arbeitgeberverbände teilen diese Feststellung. Sie machen sich Sorgen um den Verlust eines wichtigen Wettbewerbsvorteils, sollte es dauerhaft an Arbeitskräften mangeln. Da die Schweiz nicht über grosse Mengen an natürlichen Ressourcen verfügt, kann sie sich nur auf ihre "grauen Zellen" verlassen, um den Wohlstand zu sichern.

Kann die Zuwanderung einen Teil des Mangels ausgleichen?

Von französischen Grenzgängerinnen über deutsche Handwerker bis hin zu italienischen Saisonarbeitenden: In den letzten zwei Jahrhunderten wäre die Schweizer Wirtschaft ohne die Einwanderung nicht zu dem geworden, was sie heute ist. Um das künftige demografische Defizit auszugleichen, wird das Land wahrscheinlich nicht auf den Import von ausländischen Arbeitskräften verzichten können.

Mit ihren hohen Löhnen galt die Eidgenossenschaft lange Zeit als Eldorado für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer vom Kontinent. Doch das Blatt wendet sich nun. "Auch deutsche, französische und italienische Unternehmen haben Schwierigkeiten, qualifiziertes Personal zu rekrutieren. Auf dieses Reservoir an Arbeitskräften wird man nicht mehr ewig zählen können", sagt Angestellte-Schweiz-Direktor Studer.

Wirtschaftsprofessor Ferro-Luzzi teilt diese Ansicht: "Die Schweiz bleibt ein attraktives Land. Aber die Arbeitsbedingungen und die Löhne verbessern sich in ganz Europa. Und die Unterschiede werden geringer."

Auch die Auswirkungen der Pandemie sind nicht zu unterschätzen. In Spanien, Italien oder Frankreich zwang Covid die Menschen, zu Hause zu bleiben. Der Braindrain sei abrupt zum Stillstand gekommen, hat Quintini von der OECD beobachtet.

"Diese Menschen erkennen die Vorteile, die es mit sich bringt, in der Nähe von Familie und Freunden zu arbeiten. Sie haben es nicht eilig, wieder für eine Arbeit wegzureisen. Es bleibt abzuwarten, ob dieses Phänomen von Dauer sein wird."

Was kann man gegen den Mangel an Fach- und Arbeitskräften tun?

Eine Möglichkeit wäre, den Einwanderungshahn aus aussereuropäischen Ländern weiter zu öffnen. Aber das Thema ist politisch brisant. Für die Gewerkschaften ist die Lösung klar. "Wir fordern eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen, besonders Lohnerhöhungen, und eine Stärkung der Weiterbildungsmöglichkeiten", sagt Gewerkschafter Dubuis.

Die OECD, eine Institution, die für ihre liberalen Positionen bekannt ist, empfiehlt mehr oder weniger die gleichen Mittel. "Trotz der Schwierigkeiten bei der Einstellung von Arbeitskräften zögern viele Unternehmen immer noch, die Löhne zu erhöhen, ihren Mitarbeitenden mehr Flexibilität zu gewähren oder Kandidierende einzustellen, die nicht unbedingt alle für die Stelle erforderlichen Qualifikationen besitzen. Hier ist ein Umdenken auf Seiten der Arbeitgeber erforderlich", sagt Quintini.

Die stärkere Integration von Frauen, älteren Menschen und Menschen mit Behinderungen in den Arbeitsmarkt ist ebenfalls eine Priorität, sowohl für die Arbeitgeberverbände als auch für die Gewerkschaften. "Die Botschaft wird in Politik und Wirtschaft seit langem eingehämmert: Jetzt ist es an der Zeit, zu handeln", sagt Studer.

In einem Punkt sind sich die von swissinfo.ch befragten Fachleute einig: Die Weiterbildung ist in den kommenden Jahren ein zentrales Thema. Derzeit erhalten in den OECD-Ländern weniger als 40% der Erwachsenen pro Jahr eine berufsbegleitende Ausbildung.

"Dieser Anteil liegt bei den am wenigsten qualifizierten Arbeitsplätzen sogar unter 20% – selbst in den nordischen Ländern, die in diesem Bereich als fortschrittlich gelten", sagt Quintini.

Wie kommt die Wirtschaft künftig also zu qualifizierten Arbeitskräften? Dafür müsse die Abstimmung zwischen den Bedürfnissen der Unternehmen und den auf dem Arbeitsmarkt geforderten Kompetenzen verbessert werden – namentlich für die neuen Berufe im Zusammenhang mit dem ökologischen Wandel.

(Übertragung aus dem Französischen: Christian Raaflaub)

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