Navigation

Älpler vom Aussterben bedroht?

Schau-Käsen wird für das Überleben der Alpwirtschaft immer wichtiger. swissinfo.ch

Die Schweizer Alpwirtschaft steckt in der Krise: Es fehlt an Älplernachwuchs, es fehlt an Wertschöpfung, und es gibt immer weniger Betriebe.

Dieser Inhalt wurde am 21. August 2002 - 11:23 publiziert

Dieser Probleme nimmt sich die 21. Internationale Alpwirtschafts-Tagung in Lenk im Berner Simmental an.

Die Anzahl der Sömmerungs-Betriebe auf den Alpen, wo Bauern ihre Nutztiere während des Sommers weiden lassen, ist seit 1990 um 20% zurückgegangen. Im Sommer 1990 waren es noch knapp 10'300, neun Jahre später waren es nur noch rund 8200 (Fotos und Impressionen vom Käsen auf der Alp: Siehe Bildergalerie in der Rubrik "Multimedia").

Unrentable Milchproduktion

"Die Milchproduktion in den Alpen wird je länger je unrentabler, da die hohen Transportkosten in die Verarbeitungs-Zentren des Talgebietes die Produktion verteuern", sagt Christine Rudmann, Assistentin am Institut für Agrarwirtschaft an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH).

Dazu komme, dass die Tendenz zur Züchtung von Hochleistungskühen dazu führe, dass diese für die meisten Alpgebiete nicht mehr geeignet seien. Zudem sinke der Milchpreis, erklärt Rudmann, die am Lenker Treffen eine Studie zum Thema vorlegt.

Alle europäischen Alpenländer betroffen

Die negative Entwicklung der Alpwirtschaft sei in allen europäischen Alpenländern festzustellen, sagt Christine Rudmann gegenüber swissinfo.

In Frankreich zum Beispiel seien ganze Gebirgstäler entvölkert. In Österreich sei es weniger schlimm, das sei ein ähnlich ausgeprägtes Alpenwirtschafts-Land wie die Schweiz.

Deutsche Sennen

Eine der Hauptschwierigkeiten in der Alpwirtschaft ist die Rekrutierung von Arbeitskräften. Es wird immer problematischer, Menschen zu finden, die sich mit wenig attraktiven Löhnen und den bescheidenen Infrastrukturen der Alpen zufrieden geben.

Es verwundert deshalb nicht, dass zahlreiche Ausländer als Älpler in der Schweiz arbeiten oder sich dazu ausbilden lassen. "In unseren Ausbildungskursen kommen viele aus Deutschland, wir haben auch Leute aus Frankreich und Holland", sagt Hansueli Bieri vom Sennen-Ausbildungszentrum Hondrich im Berner Oberland gegenüber swissinfo.

Doch von einem "Schweizer-Älpler-Sterben" mag Christine Rudmann nicht sprechen: "Es ist zwar so, dass eine Tendenz in Richtung immer mehr Ausländer geht. Andererseits zeigt sich aber auch, dass immer mehr Städter auf die Alp gehen."

Christine Rudmann kann sich vorstellen, dass dieser Trend sich in der Zukunft fortsetzt. "Es könnten noch mehr Städter von der Alparbeit angezogen werden."

Überlebenschancen

"Die Schweizer Alpwirtschaft wird in jedem Fall überleben, aber vielleicht in einer anderen Form als heute", sagt Christine Rudmann.

Die Tendenz, dass die Anzahl Milchkühe in den Alpen stark abnimmt, sei sehr stark. Wenn das so weitergehe, sei die Milchkuh-Alpung und damit die Alpkäse-Produktion in Frage gestellt.

Wenn die Milchkuh-Alpung gefährdet ist, könnten dafür mehr Mutterkühe, mehr Aufzuchttiere oder mehr Schafe auf die Alp gehen, sagt Rudmann. Aber dazu müsste man sich zuerst überlegen, wie es mit der Alpwirtschaft überhaupt weitergehen soll.

"Wenn die Milchkuh-Alpung etwas Wichtiges ist, das man erhalten möchte, dann sollte man das fördern." Die Politik müsse Grundsatz-Entscheide fällen, bevor man konkrete Massnahmen ergreife, sagt sie. Nur so könnten sich die Älpler auf die Änderungen einstellen.

Tourismus und besseres Marketing

Der Tourismus spielt fürs Überleben der Alpwirtschaft eine wichtige Rolle. "Gerade auf den Milchkuh-Alpen kann man mit Tourismus sehr viel zusammen machen, sei es mit Direktverkauf der Alp-Produkte, sei es durch Schau-Käsen. Das ist sehr attraktiv", sagt Christine Rudmann. Dazu brauche es aber ein besseres Marketing.

Zum selben Schluss gekommen waren früher in diesem Jahr auch das Volkswirtschafts-Departement sowie das Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft (BUWAL). Und schlugen vor, sogenannte Labels für Alpen-Regionen mit Bundesgeldern zu unterstützen.

Das "Natur"- oder das "Landschaftslabel" wollen Gebiete erhalten, die gewisse Kriterien einer nachhaltigen Entwicklung erfüllen. Diese Labels sollen mehr Touristen in solch abgelegene Regionen bringen, damit die Älpler diesen dann die Label-Produkte auch direkt verkaufen könnten.

In Christine Rudmanns Studie ist auch von den sozialen und ökologischen Leistungen der Alpwirtschaft die Rede. Nur ist für die Expertin der finanzielle Wert solcher Leistungen schwer einzuschätzen.

Jean-Michel Berthoud

Fakten

Anzahl Sömmerungs-Betriebe 1990: 10'293
Anzahl Sömmerungs-Betriebe 1999: 8233
1999: Von insgesamt rund 1,6 Mio. Kühen, Rindern und Kälbern wurden knapp über 375'000 gesömmert
1999: Der Bund entrichtete 67 Mio. Franken sog. Sömmerungs-Beiträge; 1979 Jahren waren es noch 18 Mio.

End of insertion

In Kürze

Die traditionelle Alpwirtschaft in der Schweiz bewegt sich in schwierigem wirtschaftlichen Umfeld. Die Arbeit ist beschwerlich, die Infrastrukturen und die Verdienst-Möglichkeiten auf den meist abgelegenen Alpen sind bescheiden. Deshalb ist es nicht einfach, Arbeitskräfte zu rekrutieren.

Die Bewirtschaftung der Alpen ist für das Bergland Schweiz aber elementar, weil sie einen wichtigen Beitrag zur Erhaltung der alpinen Kulturlandschaft leistet. Deshalb ist eine Verbindung zwischen Alpwirtschaft und Tourismus unabdingbar. Dabei sollen Kriterien der Nachhaltigkeit berücksichtigt werden.

End of insertion

Artikel in dieser Story

In Übereinstimmung mit den JTI-Standards

In Übereinstimmung mit den JTI-Standards

Mehr: JTI-Zertifizierung von SWI swissinfo.ch

Diskutieren Sie mit!

Diesen Artikel teilen

Passwort ändern

Soll das Profil wirklich gelöscht werden?