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"SBB Cargo sollte sich auf Binnenmarkt konzentrieren"

SBB Cargo schaut nach vorne und sucht einen strategischen Partner Ex-press

Die Rentabilität von SBB Cargo hat sich verbessert, doch die Gütersparte der SBB schreibt immer noch rote Zahlen: Daher werden Partner für die Güterbahn gesucht. swissinfo hat diese Option mit dem Verkehrsexperten Roman Rudel erörtert.

Dieser Inhalt wurde am 15. September 2008 - 13:21 publiziert

Bei der Präsentation der Halbjahresergebnisse lobte SBB-Generaldirektor Andreas Meyer die Fortschritte bei der Profitabilität der Güterbahn.

Einige Interventionen hätten sich positiv auf den Geschäftsgang ausgewirkt, darunter die Reduktion beim Einkauf von Leistungen Dritter, die Einstellung von wenig rentablen Destinationen sowie der Einstellungsstopp beim Personal.

Nach Ansicht Meyers sollte sich SBB Cargo "durch eine strategische Allianz neu auf dem Markt positionieren." Die Politik eines "aggressiven Alleingangs" sei nicht länger möglich.

Interessierte Unternehmungen können bis 22. September eine Offerte einreichen, wenn sie an einer Zusammenarbeit mit den SBB interessiert sind. Ein vollständiger Verkauf der SBB Cargo kommt allerdings nicht in Betracht. Dafür wäre eine Verfassungsänderung nötig.

Die Angebote werden im Auftrag der SBB vom Beratungsunternehmen McKinsey geprüft: Mit ersten Ergebnissen wird Anfang November gerechnet. In der ersten Jahreshälfte 2009 werden dann in Absprache mit der Eidgenossenschaft Verhandlungen aufgenommen.

swissinfo hat mir dem Ökonom Roman Rudel über diese neue Stossrichtung gesprochen. Rudel ist Dozent an der Fachhochschule der italienischen Schweiz (Supsi) und Berater des Streikkomitees beim SBB-Betriebswerk in Bellinzona.

Fehler der Vergangenheit und...

"Paradoxerweise wurde das bessere Geschäftsergebnis im ersten Semester 2008 mit einer Reduktion des transportierten Gütervolumens erreicht. Das bedeutet, dass zuvor wertvolle Ressourcen durch strategische Fehlentscheide vergeudet wurden, namentlich durch die teure Expansion ins Ausland", meint Roman Rudel.

"Dies zeigt, dass das wirkliche Problem der SBB nicht die Industriewerke von Bellinzona sind, wo Lokomotiven und Güterwagen gewartet werden. Es ist lächerlich, das Gegenteil zu behaupten! Es hat gereicht, das Gütervolumen um 2 Prozent zu reduzieren, um in sechs Monaten 28 Millionen Franken einzusparen."

...Zukunft des IW-Bellinzona

Das Schicksal des SBB-Industriewerks Bellinzona entscheidet sich zur Zeit im Rahmen von Verhandlungen zwischen Arbeitnehmern und SBB-Direktion am Runden Tisch. Im Mai begannen die Gespräche. Die nächste Verhandlungsrunde findet am 16. September statt.

Laut Rudel ist dieses Werk "ein Kompetenzzentrum, das eine wichtige Aufgabe wahrnimmt, weil die Wartung bestimmter Lokomotiven nur dort möglich ist. Das konkrete Risiko besteht darin, dieses wertvolle Know-how zu verlieren, wenn Arbeitsplätze abgebaut werden."

Es brauche jetzt klare Signale, beziehungsweise eine Garantie zugunsten des Betriebswerkes. Dies erlaube dann eine Zusammenarbeit mit anderen Einrichtungen, beispielsweise Instituten von Universitäten.

Rudel ist zudem der Ansicht, "dass die Standards und Anforderungen in Europa in Bezug auf den Wagenunterhalt stark variieren. Dies erlaubt dem SBB-Betriebswerk von Bellinzona, sein Angebot auszuweiten und eine internationale Kundschaft anzupeilen."

Bisher habe man dies nicht gemacht, weil die SBB Hauptkunde waren. Doch die Rahmenbedingungen hätten sich geändert.

Gefährliche Allianzen


Auf die Frage nach möglichen Partnern für SBB Cargo sagt Rudel: "Eine Allianz mit einem zu grossen Partner wie der Deutsche Bahn könnte gefährlich werden, weil dieser Partner SBB Cargo eines Tages ganz schlucken könnte."

Auch hinter die angedachte Zusammenarbeit mit Strassentransportunternehmen setzt Rudel ein Fragezeichen: "Es könnte bedeuten, dass das Unternehmen rentable Transporte via Strasse ausführt und den SBB die Brosamen lässt."

Aber wie soll die Rentabilität verbessert werden? "SBB Cargo sollte das Rollmaterial im Inlandmarkt besser ausnützen und das Angebot noch näher den Kundenbedürfnissen anpassen, indem beispielsweise Kunden wie der Post spezifische Offerten auf Kurzstrecken gemacht werden.

Es handelt sich zwar um einen kleineren Markt als die ganze Nord-Süd-Achse. Doch dieser Markt ist wesentlich rentabler."

Rudel anerkennt, dass externe Faktoren bei der strategischen Ausrichtung von SBB Cargo eine wichtige Rolle spielen. "Es gibt einen enormen politischen Druck, dass immer mehr Güter via Bahn transportiert werden. Doch so kommt es zu mehr Konkurrenz auf der Nord-Süd-Achse mit immer geringeren Gewinnmargen."

Die Zeiten hätten sich geändert, sagt Rudel. "Um neue Kunden zu gewinnen, braucht es ein wesentlich aktiveres Engagement als in der Vergangenheit."

swissinfo, Andrea Clementi
(Übertragung aus dem Italienischen: Gerhard Lob)

Gewinn steigt

Die Schweizer Bundesbahnen SBB steigerten im ersten Semester 2008 das Konzernergebnis auf 104,7 Millionen Franken. Dies entspricht einer Zunahme von 13 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum.

Dieses positive Resultat ist vor allem dem Personenverkehr (+6,9 Prozent Personenkilometer) zu verdanken. Dieser verzeichnete einen Gewinn von 101,8 Millionen Franken (+12 Prozent).

SBB Cargo schrieb hingegen erneut einen Verlust von 8,2 Millionen Franken. Gegenüber dem ersten Semester 2007 (-35,5 Millionen Franken) ist dies gleichwohl eine bedeutende Verbesserung.

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Runder Tisch

Anfang März 2008 kündigten die SBB umfangreiche Restrukturierungsmassnahmen für die Sparte Güterverkehr an, darunter den Abbau von 400 Arbeitsplätzen (126 im Tessin).

Die Arbeiter des SBB-Industriewerks Bellinzona (Wartung von Lokomotiven und Güterwagen) traten daraufhin in einen Streik, der schliesslich einen Monat dauerte. Der Streik erzeugte eine grosse Solidaritätswelle im ganzen Kanton Tessin.

Die SBB zogen unter diesem Druck ihren Restrukturierungsplan zurück. Nach einer Intervention von Bundesrat Moritz Leuenberger setzten sich die Parteien an den Runden Tisch, um Lösungen für das IW-Bellinzona auszuhandeln. Die Gespräche dauern noch an.

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Roman Rudel

Nach einer Promotion in Geografie an der Universität Freiburg übernahm Roman Rudel zahlreiche Forschungsarbeiten für den Schweizerischen Nationalfonds und die Landesregierung.

Heute beschäftigt er sich in erster Linie mit politischen Lösungen zum Klimawandel, nachhaltiger Entwicklung und dem alpenquerenden Verkehr.

Seit diesem Jahr leitet er das Institut für angewandte Nachhaltigkeit (Isaac) an der Fachhochschule der italienischen Schweiz (Supsi).

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