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"Nicht nur ökonomische Globalisierung"

Arbeitsbedingungen in Produktionsbetrieben kommen immer mehr ins Rampenlicht. Visum

Wirtschaftsministerin Doris Leuthard hat die Unternehmen aufgefordert, in Sachen Menschenrechten und fairem Handel mehr Verantwortung zu übernehmen.

Dieser Inhalt wurde am 04. März 2008 - 11:11 publiziert

Die Bundesrätin sprach am Montag an einer Konferenz von Human Rights Watch zum Thema Menschenrechte und Wirtschaft in Rüschlikon bei Zürich.

Laut der Wirtschaftsministerin ist es nicht nur die Aufgabe von Regierungen und staatlichen Stellen, die Menschenrechte zu überwachen.

"Auch die Unternehmen sind dafür verantwortlich." Vor allem international tätige Unternehmen stünden zunehmend in der Verantwortung. Mit ihrer Präsenz hätten sie einen direkten und indirekten Einfluss auf die Entwicklung einer Gesellschaft.

Immer mehr Unternehmer seien sich dessen auch bewusst. Es gehe nicht um die Frage des "Ob", sondern des "Wie", sagte Leuthard.

Globalisierung auch der Nachhaltigkeit

Sie sei überzeugt, so die Bundesrätin, dass Globalisierung zu einer weltweiten Verbesserung der Lebensbedinungen beitragen könne. Die rein wirtschaftliche Globalisierung reiche allerdings nicht aus. Es brauche auch eine Globalisierung der Nachhaltigkeit.

Dabei dürfe man Nachhaltigkeit nicht allein als schonenden Umgang mit natürlichen Ressourcen verstehen: "Nachhaltig muss auch der Umgang mit den Mitarbeitenden sein", sagte Leuthard.

Sie erwarte von allen international tätigen Unternehmen, dass sie ihre Verantwortung wahrnähmen. Dass sie "mit gutem Beispiel vorangehen und ihre Mitarbeitenden menschenwürdig behandeln und bezahlen".

Letztlich fördere sozial und ökologisch verantwortungsvolles Handeln auch Image und Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens.

Wer dagegen "die Ressource Mensch" ausquetsche, seinen Gewinn privatisiere, die Verluste jedoch sozialisiere, "der schadet sich selbst als Unternehmer": Ruf und Reputation seien schnell dahin.

Hartnäckiges Einstehen für Menschenrechte

Bleibe man mit den Menschen, den Machthabern und den Unternehmen in diesen Ländern in Kontakt, bedeute dies auch den Austausch von neuen Ideen und kulturellen Werten.

Sie sei überzeugt, dass Zusammenarbeit und Dialogbereitschaft, gleichzeitig aber auch hartnäckiges Einstehen für die Menschenrechte, den Menschen mehr bringe.

Die Menschenrechte sind gemäss Leuthard nicht verhandelbar: Die Rechte auf Leben, auf Freiheit und Sicherheit der Person seien für alle Menschen auf der ganzen Welt unveräusserlich und sie seien überall auf der Welt anzuerkennen.

Situation in der Schweiz

"Einige der grossen Schweizer Multis wie Novartis waren von Beginn in die Menschenrechts-Debatte miteinbezogen", sagte Thomas Bechtler in Rüschlikon.

Der Vorsitzende des Zürcher Komitees von Human Rights Watch (HRW)nannte auch KMU wie die T-Shirt-Unternehmung Switcher, die sehr aktiv gewesen seien.

"Jetzt beginnt die Debatte überall in der Schweiz", sagte Bechtler gegenüber swissinfo.

Wobei die Herausforderungen der Unternehmen je nach Sektor und Branche unterschiedlich seien. So habe man von der Credit Suisse gehört, sie versuche, unerwünschte Kundschaft mittels Risikoklärungsprozessen herauszufiltern.

UN Global Compact

Unternehmen könnten sich auch für internationale Menschenrechts-Politik einsetzen, indem sie sich freiwillig mit Verträgen verpflichteten, wie zum Beispiel beim United Nations Global Compact.

Es gebe Anzeichen, so Klaus Leisinger von der Novartis-Stiftung für eine nachhaltige Entwicklung, dass Unternehmen vermehrt die negativen Auswirkungen einer schlechten Menschenrechts-Reputation spüren.

Mehr als 3500 Unternehmen, davon 51 schweizerische, haben bisher den Global Compact unterzeichnet. Nichtstaatliche Organisationen (NGO) jedoch hätten sich darüber aufgehalten, dass dies vorderhand noch auf freiwilliger Basis geschehe.

Institution für Menschenrechte?

Es gibt Stimmen in der Schweiz, die mehr fordern. Man müsste auch eine unabhängige nationale Institution für Menschenrechts ins Auge fassen, die Unternehmen in dieser Frage berate. Andere europäische Länder kennen dies bereits.

"Es gibt Unternehmen, die in diesem Bereich vorwärts machen", so Bechtler. "Doch die meisten schauen noch zu. Wir haben es mit einem langsamen und graduellen Lernprozess zu tun."

swissinfo und Agenturen, Isobel Leybold-Johnson, Rüschlikon
(Übertragung aus dem Englischen: Alexander Künzle)

Human Rights Watch

Human Rights Watch (HRW) untersucht Menschenrechtsverletzungen in der ganzen Welt. Der Hauptsitz der Organisation befindet sich in New York.

HRW wurde 1978 als Helsinki Watch gegründet, um zu überwachen, ob die Sowjetunion die Helsinki-Abkommen einhält.

Die Organisation eröffnete Niederlassungen in anderen Ländern. 1988 wurden sie unter einem Dach zusammengelegt.

Die Zürcher HRW entstand Ende 2006.

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Global Compact: Die 10 Prinzipien

Unternehmen, die den Global Compact unterschreiben, sollen:

1. Den Schutz der internationalen Menschenrechte unterstützen und respektieren.

2. Sicherstellen, dass sie nicht bei Menschenrechtsverletzungen mitwirken.

3. Das Recht ihrer Beschäftigten respektieren, sich gewerkschaftlich zu betätigen, und deren Recht auf Kollektivverhandlungen anerkennen.

4. Alle Formen von Zwangsarbeit bzw. erzwungener Arbeit ausschliessen.

5. An der Abschaffung von Kinderarbeit mitwirken.

6. Jede Diskriminierung in Bezug auf Beschäftigung und Beruf ausschliessen.

7. Eine vorsorgende Haltung gegenüber Umweltgefährdungen einnehmen.

8. Initiativen zur Förderung grösseren Umweltbewusstseins ergreifen.

9. Zur Entwicklung und Verbreitung umweltfreundlicher Technologien ermutigen.

10. Gegen alle Arten der Korruption eintreten, einschliesslich Erpressung und Bestechung.

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