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Wissenschaft in der Schweiz: Frauen bringen Wandel voran

"Ich versuche, die gute Seite der Robotik zu zeigen"

Margarita Chli, 37, ist Professorin und Leiterin des Vision for Robotics Lab an der ETH Zürich. Geri_born

Margarita Chli ist eine der wenigen Frauen, die in der Schweiz in der Robotik erfolgreich sind. Und sie möchte, dass andere Frauen ihrem Beispiel folgen. Ihrer Meinung nach braucht es positive Vorbilder für junge Frauen. Und es müsse aufgezeigt werden, wie Roboter die Lebensqualität von Menschen verbessern könnten.

Dieser Inhalt wurde am 06. November 2021 - 11:00 publiziert

Margarita ChliExterner Link wurde von ihrer Familie angeregt, ein Studium der technischen Informatik zu absolvieren. Doch erst während ihrer Promotion im Vereinigten Königreich begann sie sich für die Bildverarbeitung durch Roboter zu interessieren. Diese Technik ermöglicht es Robotern, die Welt um sie herum zu "sehen" und visuelle Daten mithilfe von Sensoren, Software und Kameras zu verarbeiten. Heute leitet Chli das Vision for Robotics LabExterner Link an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich ETHZExterner Link.

Die 37-jährige Professorin ist Expertin für Drohnen. In der Schweiz hat sie ideale Bedingungen für Forschung und Innovation im Bereich der Robotik angefunden - dank grosszügiger Förderungsbeiträge und der Präsenz zahlreicher Expert:innen. Und sie hat eine zweite Heimat gefunden: Die grünen Hügel und die Seen und Flüsse, die im Sommer zum Baden einladen, erinnern sie an ihre Heimatinsel Zypern.

Chli ist entschlossen, mehr Frauen für die Robotik zu gewinnen. Ihrer Meinung nach handelt es sich um eine Technologie, welche die Lebensqualität der Menschen verbessern wird, etwa durch mobile Roboter bei Such- und Rettungseinsätzen, aber auch durch personalisierte Einsätze in der Gesundheitsversorgung. swissinfo.ch fragte die Hochschulprofessorin, welche Herausforderungen das Studium und die Arbeit in der Robotik mit sich bringt, und wie Forscher:innen dazu beitragen können, diese zu bewältigen.

Reihe Frauen in der Wissenschaft

Die Schweiz hat vergleichsweise weniger Wissenschafterinnen als andere europäische Länder. Der Anteil der Professorinnen beträgt rund 23 Prozent und liegt in den Natur- und Technikwissenschaften noch geringer.

Die Covid-19-Pandemie scheint die wissenschaftliche Arbeit von Frauen reduziert zu haben. Ein Schweizer Forscherteam analysierte Tausende von Studien, die zwischen dem 1. Januar 2018 und dem 31. Mai 2021 veröffentlicht wurden. Diese AnalyseExterner Link ergab, dass während der ersten Welle der Pandemie Frauen seltener als Hauptautorinnen aufgeführt wurden als in den zwei Jahren zuvor. Gemäss den Verfasser:innen der Studie könnte eine mögliche Erklärung darin liegen, dass Forscher:innen während des Lockdowns Schwierigkeiten hatten, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen, und deshalb weniger Artikel veröffentlichten als ihre männlichen Kollegen.

Was kann getan werden, um die Kluft zwischen den Geschlechtern zu verringern und die wissenschaftliche Forschung integrativer zu gestalten? In der neuen Serie "Frauen in der Wissenschaft" porträtiert swissinfo.ch erfolgreiche Wissenschafterinnen, um künftige Generationen zu inspirieren und zu ermutigen.

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swissinfo.ch: Besuchen heute mehr Studentinnen die Vorlesungen in Robotik als früher?

Margarita Chli: Das ist leider ein trauriges Thema. Als ich in die Schweiz kam, gab es vielleicht zwei junge Frauen unter den insgesamt fünfzig Studierenden. Seit meiner Promotion sind zehn Jahre vergangen. Aber ich kann nicht behaupten, dass sich in Bezug auf die Präsenz von Frauen in meinem Studiengang viel geändert hätte. Vielleicht hat das mit meiner Laufbahn und dem Umzug vom Vereinigten Königreich in die Schweiz zu tun. Denn um ehrlich zu sein: Die Situation in der Schweiz ist in dieser Hinsicht noch dramatischer als in Grossbritannien.

Ich arbeite in der Fakultät für Maschinenbau, in der traditionell sehr wenige Frauen anzutreffen sind. Wir hören ständig, dass unsere Fakultät ihren Frauenanteil erhöhen muss, und dass wir alles tun müssen, um mehr weibliche Absolventen auszubilden. Es ist richtig, dass wir mehr tun müssen, um unsere Studiengänge für Frauen attraktiver zu machen. Und wir versuchen herauszufinden, wie wir das erreichen können. Aber es ist klar, dass wir viel Geduld brauchen. Die Früchte unserer Arbeit werden wir wohl erst in 20 Jahren sehen.

Haben Sie Hürden erwartet, als Sie sich für diese Laufbahn entschieden haben?

Ich komme aus einer Familie, in der das Geschlecht in Studium und Beruf nie eine Rolle spielte. Es war also ein echter Schock, als ich bemerkte, dass in meinem Informatikstudiengang von 100 Student:innen nur drei Frauen waren. Das war der Punkt, an dem ich anfing zu denken, dass vielleicht irgendetwas nicht richtig läuft.

Wie liessen sich Anreize schaffen, um den Frauenanteil in naturwissenschaftlichen Studiengängen zu erhöhen?

Eine erfolgreiche Strategie könnte meiner Meinung nach darin bestehen, die Zahl der Professorinnen und damit die Zahl der Vorbilder zu erhöhen. Wir müssen junge Frauen auf jede erdenkliche Art und Weise motivieren, indem wir mehr Frauen in Kaderpositionen bringen, Diskussionen zum Thema anregen und mehr Gelegenheiten zum gegenseitigen Austausch schaffen. Auf diese Weise wird es uns vielleicht gelingen, dieses grosse Hindernis, das die Geschichte vielen Frauen in den Weg gelegt hat, Stück für Stück zu beseitigen.

Haben Sie sich jemals diskriminiert gefühlt?

Natürlich. Aber wer hat sich noch nie diskriminiert gefühlt? Ich bin keine Heldin, jede und jeder hat eine eigene Geschichte und muss die eigenen Hindernisse überwinden. Man kann wegen seiner Religion, seiner Herkunft oder seiner Hautfarbe diskriminiert werden. Man muss in der Lage sein, solche Dinge an sich abperlen zu lassen und bewusst auf das eigene Ziel zuzusteuern.

Um erfolgreich zu sein, ist es wichtig, auf sich selbst zu hören. Vielleicht wissen Männer besser, wie man das tut. Mein Rat ist: Hört nicht auf das Gerede, das eure Laufbahn bedrohen kann. Und wenn ihr glaubt, das richtige zu tun, macht weiter und arbeitet auf euer Ziel zu. Wenn jemand denkt, dass ihr an einer Stelle seid, weil ihr eine Frau seid, ignoriert das. Früher oder später werdet ihr diesen Leuten das Gegenteil beweisen. Der gleiche Ratschlag gilt auch für Männer. Wir müssen uns von Geschlechterstereotypen befreien.

Fühlen Sie sich von Ihrer Arbeit inspiriert?

Ja, auf alle Fälle. Ich glaube, einen der schönsten Berufe der Welt zu haben. Ich arbeite mit motivierten und intelligenten Menschen zusammen, die etwas für die Gesellschaft bewirken wollen. Aber am meisten erfüllt mich die tägliche Arbeit mit den Student:innen. Es ist sehr befriedigend zu sehen, wie sie auf ihrem Weg vorankommen.

Ich glaube, einen Beitrag zur Verbesserung der Lebensqualität zu leisten, und möchte die allgemeine Sichtweise auf die Robotik verändern. Vielleicht ist es nur ein kleiner Beitrag. Aber dieses Bewusstsein ist ein sehr wichtiger Anreiz für meine Arbeit.

Roboter werden immer noch negativ mit Überwachung und Militär assoziiert. Die Menschen haben Angst vor der Automatisierung und vor dem, was sie bewirken kann. Tatsächlich können Roboter grossen Schaden anrichten. Aber statt sich nur auf diesen Aspekt zu konzentrieren, wäre es wichtig, auch die Vorteile und positiven Seiten zu sehen.

Wie können Sie das Bewusstsein für die Vorteile der Robotik schärfen?

Jedes Mal, wenn ich einen Vortrag halte, versuche ich, die andere Seite der Robotik zu zeigen, die gute Seite. Ich spreche über die Leistungen, die wir in Bereichen wie der Suche und Rettung bei Lawinenabgängen oder Erdbeben in den Alpen oder der Überwachung von Anomalien in Fabriken zu leisten versuchen.

Im vergangenen Sommer wurden ganze Landstriche Griechenlands von Bränden heimgesucht. Ein Freund von mir fragte mich, ob wir die Gebiete mit Drohnen überwachen können. Leider sind wir in der Forschung noch weit davon entfernt, dies tun zu können. Aber das zeigt, wie sehr die Robotik unser Leben verbessern könnte.

Die Schweiz hat beschlossen, die Gespräche mit der EU über das Rahmenabkommen abzubrechen. Das bedeutet, dass unser Land nicht an wichtigen Forschungsprogrammen wie Horizon Europe beteiligt sein wird. Hat dies Auswirkungen auf Ihre Arbeit?    

Ja, natürlich. Das ist ein schwerer Schlag für die Schweizer Forschung. In der Vergangenheit habe ich an europäischen Projekten gearbeitet, während Sanktionen gegen die Schweiz in Kraft waren. Trotzdem haben die Schweizer Institutionen alles getan, um uns Forschenden das Leben zu erleichtern. Das Leben in einem reichen Land wie der Schweiz, wo die Regierung die Forschung finanziert, hilft bei der Heilung dieser Wunde. Es wird jedoch wichtig sein, die Zusammenarbeit mit den europäischen Institutionen fortzusetzen, denn es gibt viel zu gewinnen bei dieser Zusammenarbeit. Und als wohlhabende Nation haben wird die Verantwortung und die Pflicht, nicht nur zu nehmen, sondern auch zu geben.

Welchen Beitrag würden Sie gerne zur Robotik leisten?    

Jemand hat mir einmal gesagt, dass mein Berufsweg vor 20 Jahren für Frauen nicht zugänglich war. Das hat mich nachdenklich gemacht. Meine Position bringt eine grosse Verantwortung mit sich, stellt aber auch eine grosse Gelegenheit dar. Mein Traum ist es, ein gutes Vorbild und eine Inspiration zu sein. Ich möchte eine Person sein, welche sowohl junge Männer als auch junge Frauen für die Welt der Wissenschaft begeistert, gemäss dem Motto "Ich möchte so werden wie Sie". Ich möchte allen zeigen, was die Robotik für unsere Gesellschaft leisten kann. Und ich möchte einen kleinen Beitrag leisten, sie besser zu machen. Aber wer träumt denn schon von etwas anderem?

In Übereinstimmung mit den JTI-Standards

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