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"Herumhacken auf den Arbeitslosen ist unmenschlich"

Gehört zum Alltag jedes Arbeitslosen: Sich immer wieder motivieren und Stellen suchen. Keystone

Die Arbeitslosenzahl erreichte 2009 einen Höchststand. Betroffen sind vor allem Junge und Ausländer. swissinfo.ch sprach mit einem Betroffenen darüber, was es bedeutet, einer der 172'000 Stellensuchenden zu sein.

Dieser Inhalt wurde am 08. Januar 2010 - 17:20 publiziert

Freitag Vormittag auf der Regionalen Arbeitslosenvermittlung (RAV) in Bern. Niemand wartet an den beiden Schaltern, auch der nüchterne Empfangsraum ist leer: Neonlampen beleuchten die blauen Holzstühle, die weissen Tische und den Cola-Automaten.

An den Wänden hängen an Zeitungsständern akkurat geordnet verschiedene Stellenanzeiger, rosarote, grüne und orange Stellenausschreibungen sowie Informationsbroschüren mit dem Titel "Wie bewerbe ich mich richtig". Zu hören ist einzig das Ticken der Wanduhr.

Doch die Ruhe täuscht. Am Morgen hat das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) die neuesten Arbeitslosenzahlen in der Schweiz herausgegeben.

Diese erreichten im Dezember ein Rekordhoch: Mit einer Quote von 4,4% ist die Arbeitslosigkeit in diesem Monat so hoch gewesen wie seit fast zwölf Jahren nicht mehr.

Ein "unstrukturiertes Etwas"

Ganze 50'000 Personen verloren 2009 wegen der Rezession ihre Stelle. Einer, der in dieser Seco-Statistik erscheint, ist Thomas*. Während sich diejenigen, die einen stressigen Job haben, bereits auf das Wochenende freuen, ist es für den 34-Jährigen, der gerade einen Termin bei seinem RAV-Berater hatte, ein Tag wie alle anderen.

Der Tourismusmanager und Personalassistent aus Österreich ist seit Anfang November arbeitslos. Neun Jahre hat er in einem Viersternhotel in Grindelwald gearbeitet, neun Jahre ist er in der Schweiz. Mit einem Schlag fiel er aus einem Arbeitsalltag, der häufig 12 bis 14 Stunden dauerte, in ein "unstrukturiertes Etwas", wie er sagt.

98 Absagen

Auch wenn er im Moment mehr Zeit habe, um Freunde zu treffen oder Sport zu treiben, sei die momentane Situation alles andere als befriedigend. Thomas holt einen dicken, grünen Ordner aus der Tasche: 98 Bewerbungen hat er in den letzten Wochen verschickt, 98 Absagen hat er erhalten. "Mangelnde Qualifikationen" habe die Begründung immer wieder gelautet.

Einen Tag vor Neujahr erlebte er den letzten herben Rückschlag seiner bisherigen Arbeitslosenkarriere. Ein Personalbüro, bei dem er sich angemeldet hatte, rief ihn am Morgen des 31. Dezembers an und bot ihm eine Stelle an, die er jedoch sofort, das heisst ab dem 4. Januar des neuen Jahres, antreten müsste. Er sagte zu, kam jedoch am Abend vom Personalberater trotzdem eine abschlägige Antwort. "Da fühlt man sich schon etwas an der Nase herumgeführt."

Enttäuscht war er auch von einem Arbeitgeber in Basel, der sich für seine Bewerbung interessiert zeigte, von ihm aber verlangte von Bern nach Basel zu ziehen, noch bevor er einen Tag in der Firma gearbeitet hätte. "Eine solche Flexibilität kann man von keinem Arbeitnehmer verlangen. Es ist nicht gerade motivierend, wenn von einem verlangt wird, von einem Tag auf den anderen die Zelte in einer Stadt abzubrechen, um überhaupt in die engere Wahl zu kommen."

Doch es sei so, die Arbeitgeber seien in der Wirtschaftskrise ganz klar am stärkeren Hebel.

Schule als Motivation

Wie schafft er es angesichts all der Absagen, sich immer wieder von Neuem zum motivieren? "Angesichts von Aufwand und Ertrag ist es sehr schwierig. Die grösste Motivation ist für mich zurzeit die Schule."

Thomas ist daran, sich zum HR-Fachmann auszubilden. Einmal pro Woche drückt er die Schulbank, lernt für die Abschlussprüfungen im Oktober.

Doch die Ungewissheit sei immer da. Thomas befürchtet, dass wenn er einmal im Besitz des Eidgenössischen Fachausweises sei, ihm nicht mehr mangelnde Qualifikation, sondern mangelnde Praxis angekreidet werden könnte. "Im Moment hängt alles in der Luft."

Kampf mit dem Geld

Dazu kommt der Kampf mit dem Geld. Zurzeit hält er sich mit einem 50-Prozent-Zwischenverdienst in einem EDV-Büro über Wasser, wo er im Marketing und in der Buchhaltung aushilft. Arbeitslosengelder kriegt er im Moment keine.

"Das Finanzielle schränkt einem mehr ein als ich gedacht hätte. Ich muss jeden Tag von neuem schauen, wie ich über die Runden komme." Auswärts Essen liege im Moment kaum mehr drin. Er überlege sich zudem, ob er sein Auto verkaufen wolle. "Es ist für mich zu einem Luxusobjekt geworden."

Von der Politik dürften die Arbeitslosen nicht allzu grosse Unterstützung erwarten. Das Konjunkturpaket, dass Massnahmen zugunsten der Arbeitslosen vorsah, wurde letztes Jahr vom Parlament gestutzt. Und in der Beratung um die Revision der Arbeitslosenversicherung (ALV) hat das Parlament längere Karenzfristen für Personen ohne Unterhaltspflichten mit mittlerem oder höherem Einkommen beschlossen.

Zudem haben sich die Nationalräte bei länger dauernder Arbeitslosigkeit für eine Kürzung der Taggelder um 5 Prozent ausgesprochen und auch dafür, dass Personen unter 30 Jahren ohne Kinder eine berufsfremde Arbeit annehmen müssten.

"Man sollte nicht blind jemandem eine Arbeit aufs Auge drücken. Dies erhöht lediglich den Frust - sowohl auf Arbeitnehmer- als auch auf Arbeitgeberseite. Ausserdem ist für Thomas klar: "Mit solchen Praktiken würden der Schwarzarbeit Tür und Tor geöffnet."

"Das Herumhacken auf den Arbeitslosen ist unmenschlich - die haben ja sowieso schon den Schwarzen Peter gezogen, weil sie den Steuerzahlern auf der Tasche sitzen."

"Gleiches System für alle"

Als "Schmarotzer", wie die Schweizerische Volkspartei (SVP) ausländische Staatsangehörige, die in der Schweiz Arbeitslosengelder beziehen, behandelt, fühlt er sich jedoch nicht.

"Es muss im System gleiches Recht für alle gelten", so Thomas. Ansonsten würde es bedeuten, dass ausländische Arbeitnehmer zwar Abzüge für die Arbeitslosenkasse zu zahlen hätten, jedoch keine Leistungen beziehen dürften. "Eine solche Ungleichstellung wäre sicher nicht durchzusetzen."

Corinne Buchser, swissinfo.ch

*Name von der Redaktion geändert

Arbeitslosigkeit auf Zwölfjahreshoch

Im Monat Dezember 2009 waren bei den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) 172'740 Arbeitslose registriert, das sind mit 4,4%, so viele wie seit 1998 nicht mehr.

Damit stieg die Arbeitslosenquote innert Monatsfrist um 0,2 Prozentpunkte, wie das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) am Freitag mitteilte.

Höher war die Arbeitslosenquote letztmals im März 1998, als sie 4,6% erreicht hatte.

Im Jahresdurchschnitt stieg die Arbeitslosigkeit in der Schweiz auf 3,7%. Dies bedeutet gegenüber 2008 eine Zunahme um fast 50%.

Im Lauf des Jahrs 2009 nahm damit die Zahl der Arbeitslosen wegen der Rezession um über 50'000 Personen zu.

Obwohl die Talsohle der Krise durchschritten scheint, erwarten die Ökonomen des Bundes für die Jahre 2010 und 2011 eine weitere starke Zunahme der Menschen, die ihre Stelle verlieren. In den beiden kommenden Jahren liegt die Arbeitslosenquote laut Seco bei jeweils 4,9%. Das entspricht etwa 192'000 Arbeitslosen.

Die Seco-Statistik zeigt, dass vor allem Ausländer von der Arbeitslosigkeit betroffen sind. Deren Quote stieg von 8,1 auf 8,6%. Die Arbeitslosenquote bei den Schweizern nahm von 3,0 auf 3,1% zu.

Überdurchschnittlich betroffen sind auch junge Menschen. Unter den 15- bis 24-Jährigen stieg die Arbeitslosenquote von 5,3 auf 5,4%. Insgesamt waren 29'672 Jugendliche ohne Job.

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