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"Arbeit fängt nicht erst an, wenn die Krise da ist"

"Es ist ganz klar Lobbying, Networking und Vermittlung von Wissen": Johannes Matyassy. RDB

Das Bild der Schweiz sei – trotz Krisen im Finanzbereich – intakt, sagt der Chef von Präsenz Schweiz, Johannes Matyassy gegenüber swissinfo.ch. Intensive Erklärungsarbeit habe auch die Reaktionen auf das Anti-Minarett-Ja "moderat" ausfallen lasssen.

Dieser Inhalt wurde am 27. November 2010 publiziert
Andreas Keiser, swissinfo.ch

Matyassy leitet die Lobbying-Organisation seit deren Gründung im Jahr 2001. Ende Jahr wird er neuer Schweizer Botschafter der Schweiz in Buenos Aires und damit Nachfolger von Carla del Ponte.

Seine Nachfolge tritt der ehemalige Chef der Sektion Film im Bundesamt für Kultur, Nicolas Bideau an.

swissinfo.ch: Wie wird die Schweiz heute im Ausland wahrgenommen?

Johannes Matyassy: Das Bild der Schweiz im Ausland ist nach wie vor sehr gut. Das ist nicht einfach eine Behauptung, denn die Wahrnehmung eines Landes basiert auf sechs Faktoren. Zu diesen gehören das Regierungssystem, die Produkte und Dienstleistungen, das Tourismusangebot, die Kultur und die Investitions- und Arbeitsmarktbedingungen.

Wenn nun in einem Bereich Schwierigkeiten auftreten wie beispielsweise im letzten Jahr beim Finanzplatz und bei den Steuern, dann heisst es umgehend, die Schweiz sei in einer Imagekrise. Wenn man sich bewusst, ist, dass die sechs Faktoren eine Rolle spielen, dann begreift man, dass ein Land in einem Bereich effektiv Schwierigkeiten haben kann, dass dies jedoch nicht automatisch bedeutet, dass das Gesamtkapital an Sympathie leidet.

Deshalb: Wir hatten im letzten Jahr ein Problem in Finanzbereich, aber insgesamt hat das Image nicht gelitten.

swissinfo.ch: Ist die Folgerung richtig, dass die Schweiz auch deshalb ein stabiles Image hat, weil die alten Klischees immer noch wirksam sind?

J.M.: Die traditionellen Werte der Schweiz sind im Ausland ein sehr positives Kapital. Das dürfen wir auf keinen Fall zerstören, sondern wir müssen es komplettieren. Unsere Kernphilosophie baut im Ausland auf dem Bestehenden auf. Wir haben jedoch gesagt: "Die Schweiz ist viel mehr."

Das zeigte sich bei unseren Pavillons an den Weltausstellungen. Da gab es draussen die traditionellen Werte wie die Sesselbahn oder, eine Löwenzahn-Wiese. Drinnen waren es diese Feldstecher, die zeigten, wie die Schweiz mit den Problemen der Luftqualität, der Wasserqualität und dem nachhaltigen Bauen umgeht.

Vor wenigen Tagen fand in Brüssel die Feier zum 5o-jährigen Bestehen der Schweizer EU-Mission statt. Wir haben einen Abend mit Käse-Fondue, Raclette und der Alphorn-Spielerin Eliana Burki veranstaltet. Das war ein Riesenerfolg.

swissinfo.ch: Nehmen wir das Problem mit den US-Steuerbehörden. Das war ja wohl kaum mit einem Fondue zu lösen?

J.M.: Vielleicht braucht es das Fondue eben doch, denn Sie können eine politische Botschaft viel besser vermitteln, wenn Sie das in einer guten Atmosphäre machen.

Wir haben ganz gezielt Leute eingeladen, mit ihnen Steuerfragen diskutiert und ihnen die Eigenheiten der Schweiz erklärt. - Klar: Die Mitglieder des amerikanischen Kongresses, die kriegen Sie nicht in Schweiz, aber die "Staffers", also deren engste Mitarbeiter und in gewissem Sinne deren „Einflüsterer“ schon. Diese haben wir in die Schweiz eingeladen und ihnen ein Programm zusammengestellt, das auch emotionale Momente enthält und haben ihnen spezifisches Wissen über die Schweiz vermittelt. Auch in den USA haben wir über verschiedene Kanäle Wissen über die Schweiz vermittelt.

swissinfo.ch: Der amerikanische Steuerkommissär jedoch will Geld sehen und nicht die Schweiz kennen lernen. Ihn können Sie nicht mit Wohlfühl-Veranstaltungen überzeugen.

J.M.: Es ist nicht unsere Aufgabe, Fehler, die begangen wurden schön zu reden. Ich wehre mich gegen die Bezeichnung "Wohlfühl-Veranstaltungen". Es geht um ein anständiges Ambiente und darum, dass der Gesprächspartner dadurch die Botschaft ganz anders aufnimmt.

Wir haben im UBS-Dossier u.a. auch darum eine gute Lösung mit den USA gefunden, weil wir auf guten Beziehungen und einem gegenseitigen Verständnis aufbauen konnten. Zu diesem gegenseitigen Verständnis tragen wir bei.

swissinfo.ch: Was machen sie denn, Lobbying oder Diplomatie?

J.M.: Es ist ganz klar Lobbying, Networking und Vermittlung von Wissen. Es geht nicht darum, den Steuerkommissär davon abzubringen, seine Arbeit zu machen. Es geht darum aufzuzeigen, dass die Schweiz jetzt den Artikel 26 der OECD übernommen hat und auch bei Steuerhinterziehung Amtshilfe leistet und dass wir in den Bereichen Geldwäscherei und Potentaten-Gelder eine hervorragende Gesetzgebung haben. Das muss man diesen Leuten immer wieder bewusst machen.

Die Arbeit fängt nicht erst dann an, wenn eine Krise da ist. Das Netzwerk muss bereits vorher funktionieren.

swissinfo.ch: Auch das Ja zur Minarett-Initiative hat im Ausland viele Reaktionen ausgelöst. Was haben Sie hier gemacht, erklärt, wie die direkte Demokratie funktioniert?

J.M.: Genau und zwar vor der Abstimmung. Das war auch der Unterschied zum Karikaturenstreit. Der war eines Morgens in der Zeitung und hat eine grosse Aufregung verursacht. Dann hat man eigentlich nichts gemacht, bis es zu Demonstrationen vor dänischen Botschaften, Fahnenverbrennungen und Boykotten kam. Der Schaden für die dänische Wirtschaft belief sich auf eine halbe Milliarde Euro.

Bei der Minarett-Initiative war das anders. Die Abstimmung hatte ja eine lange Vorgeschichte. Die Initiative wurde eingereicht wurde, dann nahmen Bundesrat und Parlament dazu Stellung und erst dann kam die Abstimmung.

Wir haben lange vor der Abstimmung über unsere Botschaften und aufgrund eines Informationskonzeptes im Ausland darüber informiert, was überhaupt eine Initiative ist. Wir haben die Haltung von Bundesrat und Parlament dargelegt und so sehr viel Erklärungsarbeit geleistet. Am Abstimmungssontag, als das Resultat feststand, haben wir sofort auf den Knopf gedrückt und die Botschaften beauftragt, den Volksentscheid zu erklären und darüber zu informieren, wie der Entscheid zustande gekommen ist.

Es hat dann zwar sehr viel Kritik gegeben, aber die ist moderater ausgefallen, weil wir das Netzwerk bereits vorher aufgespannt hatten. Es gab zwar harsche Reaktionen, aber es ist nicht eskaliert.

Johannes Matyassy

1957 in Bern geboren, studierte er an der Universität Bern Volkswirtschaft und schloss dieses 1984 als lic. rer. pol ab.

Er trat 1985 in die Bundesverwaltung ein, wo er zuerst im Integrationsbüro EDA/EVD und später im Bundesamt für Aussenwirtschaft (BAWI) arbeitete.

1987 - 1990 leitete er die Wirtschafts- und Handelsabteilung der SchweizerBotschaft in Argentinien.

1990 wurde er zum Sektionschef in der Abteilung Welthandel-GATT des BAWI berufen. 1993 wurde er zum Chef des schweizerischen EU-REKA-Vorsitzsekretariats ernannt.

1995 berief ihn Bundesrat Jean-Pascal Delamuraz zu seinem persönlichen Mitarbeiter.

Von 1997 bis 2000 war er Generalsekretär der Freisinnigen Partei der Schweiz.

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Präsenz Schweiz

Als Teil des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten EDA ist Präsenz Schweiz für den Auftritt der Schweiz im Ausland zuständig und setzt dabei die Strategie des Bundesrates für die Schweizer Landeskommunikation um.

Die gesetzlich festgelegten ständigen Aufgaben der Landeskommunikation sind die Förderung der Visibilität der Schweiz im Ausland, die Erklärung der politischen Anliegen und Positionen der Schweiz gegenüber einer ausländischen Öffentlichkeit und der Aufbau und die Pflege des Beziehungsnetzes der Schweiz zu Entscheidungsträgern und Meinungsführerinnen im Ausland.

Präsenz Schweiz setzt diesen Auftrag um mit Projekten im Ausland, der Einladung von ausländischen Medienschaffenden und Entscheidungsträgern in die Schweiz, der Entwicklung und Distribution von Informationsmitteln über die Schweiz im Ausland und Auftritten der Schweiz an internationalen Grossveranstaltungen wie beispielsweise an den Weltausstellungen (Schweizer Pavillon) oder an Olympischen Spielen (House of Switzerland).

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